LORO – Die Verführten von Paolo Sorrentino

Eine Gruppe langbeiniger Frauen stakst durch das nächtliche Rom als plötzlich ein Müllauto bremst – nur um einer Ratte auszuweichen! – und im hohen Bogen von der Brücke fliegt – um mitten im Forum Romanum zu landen. Die Partygesellschaft steht mit offenen Mündern auf der Brücke und sieht zu, wie der Inhalt des Müllautos auf die Straße herabregnet. So ähnlich ist es Italien ergangen, als der Fallout von Rubygate mit allen Details und Beteiligten die Medien erreicht. Doch LORO – Die Verführten von Paolo Sorrentino erzählt die Geschichte zum Glück nicht von diesem Ende her.

Macht, Sex und Drogen

Sein rasanter Einstieg demonstriert, wie Politik, Sex und Drogen zusammengehen – aus der Sicht von Sergio, Unternehmer aus Tarent, den es in die Nähe der Macht zieht. In Rom schmiedet er Pläne mit Hilfe der sich verführerisch-rätselhaft gebenden Kira. Eine gigantische Party in der Nachbarvilla auf Sardinien soll ihnen die Aufmerksamkeit von IHM sichern.

Kasia Smutniak als Kira. Foto: Gianni Fiorito, Quelle: DCM

Der Plan misslingt (ER ist anderweitig beschäftigt), aber wir haben uns allein beim Zusehen prächtig amüsiert. Herrliche Landschaft, eine moderne Villa, schöne Menschen, treibender Sound, in einem zärtlichen Kuschelknäuel kulminierend, MDMA sei Dank. „Wir müssten alle immer so bleiben“, seufzt Kira nachdem der Rausch vorüber ist.

Der beste Verkäufer Italiens

ER ist vor Ort. Doch es ist eine Existenz weit entfernt vom Leben an der Spitze der Macht. ER ist müde. Ausgebrannt. Ein abgewählter Privatier. In seinen Versuchen, die distanziert und depressiv wirkende Gattin zu erheitern wirkt er geradezu rührend, sympathisch. Auf den Rat seines Freundes hin schwingt er sich ein letztes Mal auf, an die Macht zu gelangen. „Du musst nur sechs Senatoren überzeugen, auf deine Seite zu wechseln,“ rät der Geschäftsfreund.

„Was sind wir, Silvio? Verkäufer, und zwar die besten.“

Mit einem Telefonat beweist ER sich selbst, dass er es noch drauf hat. Er kennt sein Publikum, das sogar noch für heiße Luft das Familiengeschäft in der Mailänder Innenstadt verkaufen würde. Pech nur, dass das Publikum die Mehrheit der Italiener war, die sich viermal verführen ließen, während ein ganzes Land stagnierte. Wer sich immer noch fragt, wie das möglich war, findet in dieser grandiosen Szene eine Antwort.

Ideologiefreies Kino

Paolo Sorrentino hat sich einen Namen gemacht mit oppulentem, schnellen Kino über italienische Politik und Befindlichkeiten. Il Divo, sein Porträt des enigmatischen, und trotz 23 Gerichtsverfahren nie verurteilten Giulio Andreotti, entschlüsselt ein Stück italienische Zeitgeschichte, ohne dabei die Protagonisten aus dem Auge zu lassen. Er rückt ihnen auf den Leib, seziert ihre Glaubenssätze. Ideologiefreies und lebendiges Kino, denn eine Meinung drängt er seinen Zuschauern nicht auf. Nur vom rasanten Tempo kann einem schwindlig werden.

Nicht schon wieder diese Peinlichkeiten, winkte die italienische Kritik ab (Loro erschien in Italien in zwei Teilen, Loro 1 im April 2018 und Loro 2 im Mai 2018). Immerhin sind gerade einmal 11 Jahre vergangen, seit der Cavaliere auf der 18. Geburtstagsfeier der blonden Tochter eines Parteifreundes auftauchte und seine Frau wegen Umgangs mit Minderjährigen angeekelt die Scheidung einreichte. Wenig später dann Rubygate (die Geschichte mit der angeblichen Nichte Mubaraks), dank deren Aussage der Begriff Bunga Bunga zum Allgemeingut wurde.

LORO bringt uns auf so eine ausgelassene Party und stellt die Equipage vor. Alles natürlich frei erfunden. Oder besser, frei auf Basis der Wirklichkeit zusammengestellt (die italienische Presse hilft bei der Entschlüsselung).

Wer – des Italienischen mächtig – sich einmal in die abgehörten Telefonate aus den Rubygate-Prozessen vertieft hat (die in diversen Filmchen auf Youtube kursieren), kennt die immense Tristesse, die von ihnen ausgeht. Ein einsamer, alter, zwanghafter Playboy und all die jungen Freundinnen der Freundinnen, die sich über fehlende Umschläge und kitschige Geschenke austauschen. Doch wer will das schon in einem Spielfilm sehen? Denn es ist nur das traurige Ende einer ganz anderen Geschichte.

Vom Ende der Liebe (und der Jugend)

In LORO erzählt Sorrentino vor allem die Geschichte von Silvio und Veronica. Eine Liebesgeschichte. Wer jetzt lacht, wird im Film sicher zu zweifeln beginnen. Toni Servillo als Silvio und Elena Sofia Ricci als Veronica Lario geben höchst eindrucksvoll das Ehepaar Berlusconi am Ende ihrer Ehe. Er nicht frei von Selbstironie, Witz und Charme, sie durchaus kühl und abweisend, aber nie zynisch. Wir sind alle Veronica, wenn wir gealtert, über die Mitte des Lebens hinaus unserer Jugend nachtrauern und Bilanz ziehen, sagte Ricci über ihre Rolle.

Toni Servillo als Silvio Berlusconi und Elena Sofia Ricci als Veronica Lario. Foto: Gianni Fiorito, Quelle: DCM

Sorrentino erspart uns die ganz peinlichen Bunga Bunga-Details, aber IHM nicht die Wahrheit, die ihm die blutjunge Stella in einer großartigen Szene präsentiert.

Die harte Wahrheit erfahren besonders die erdbebengeplagten Menschen in L’Aquila die sich angesichts eines schweren Erdbebens eingestehen müssen, dass Träume und Versprechungen nicht vor Katastrophen bewahren und eine Regierung besser über jeglichen Verführungen steht.

LORO ist ein Film für alle, die Italien lieben und nie verstanden haben, warum Berlusconi viermal Ministerpräsident werden konnte.

LORO – Die Verführten. Ein Film von Paolo Sorrentino. Kinostart 15. November 2018.

Kategorien Kultur

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Autorin & Bloggerin. Nach Leben und Arbeiten in sechs verschiedenen Ländern jetzt in Verbania am Lago Maggiore zu Hause. Einen Ort entdecken heißt alle Sinne nutzen – sehen, hören, zuhören, berühren, schmecken. Die Sprache sprechen kann Wunder bewirken oder ein Tanz zu lokaler Musik!

  1. Ciao Stefanie,

    ein gelungener Text über einen Film, der gar nicht so leicht in Worte zu fassen ist. Complimenti!

    Un abbraccio,
    Vanessa

    • Grazie mille, Vanessa! Ich gebe zu, ich war etwas überwältigt vom Stoff, aber das gehört wohl zum Thema 😛 Ein gelungener, faszinierender Film! Un abbraccio, Stefanie

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