Dozza Fassade muro dipinto

Acht Geschichten aus der Emilia-Romagna

Sehnsucht nach Italien? Heute lade ich euch in die Region Emilia-Romagna ein, ein authentisches Stück Italien mit großem Herz für Gäste, leckerer Küche und außergewöhnlichen Kunstschätzen. In acht Geschichten aus der Emilia-Romagna, die Lust aufs Reisen machen, bringe ich euch an einige meiner Lieblingsorte in der Region.

Schwein gehabt!

Die keltischen Bojer wanderten um 400 v. Chr. nach Oberitalien ein und bringen die Schweinezucht mit. Was die Emilianer seither daraus zaubern ist ein Gedicht: Parmaschinken mit zart-süßem Aroma und dazu Honigmelonen, die mild-würzige Salami aus Felino bei Parma, die beliebte Mortadella aus Bologna und vieles mehr. Mit gnocchi fritti oder in Modena tigelle wird daraus ein leckerer Aperitif. Davon überzeugte ich mich im Ristorante Da Faccini bei Castell’Arquato.

Die deftigen Bandnudeln mit Hackfleischsoße tagliatelle al ragù sind in der ganzen Welt berühmt, nur leider unterm falschen Namen alla bolognese. Parmas mit Gemüse und Käse gefüllte tortelli und Ferraras cappellacci mit Kürbis zeigen, dass Vegetarier vom kulinarischen Vergnügen keineswegs ausgeschlossen sind. Das Rezept ihrer kunstvoll geformten tortellini, auch „Nabel der Venus“ genannt, ließen sich die Bologneser 1974 notariell beglaubigen. Im Jahr 2008 wurden Soße und Zubereitung ergänzt. Dass es sich dabei um die Beglaubigung eines Rezeptes zum Glück handelt, wissen alle, die als Kinder an den Wochenenden mit der nonna tortellini formen durften!

Burgen, Drachen und eine Liebeserklärung

Zu Füßen den Parmafluss und am Horizont die schneebedeckten Gipfel des Apennin.

Blick zum Apennin von der Burg Torrechiara – Reise Geschichten Emilia-Romagna

Die perfekt symmetrisch angelegte Wehrburg Torrechiara mit ihren vier Türmen gehört sicher zu den schönsten Burgen Italiens.

Burg Torrechiara – Reise Geschichten Emilia-Romagna

Im Innern spaziert man durch mit fantasievollen Grotesken ausgemalte Säle und wird in der Camera d’Oro Zeuge der Liebeserklärung des Grafen an seine Frau, der ihr standesgemäß alle seine Besitztümer präsentiert. 

Jede der zahlreichen Burgen in der Emilia und der Romagna verbirgt ihre eigene berührende, abenteuerliche Geschichte. Die von Dozza wird heute neu erzählt. Das malerische Burgdorf steckt voller Fassadenkunst (siehe Titelbild) und ist wie geschaffen für Fabelwesen. Kein Wunder, dass sich hier ein (allerdings sehr schläfriger) Drache ansiedelte.

Ravenna: Endlich die Sterne wiedersehen

Als ich am späten Nachmittag in Ravenna eintreffe, erwartet mich meine Stadtführerin ungeduldig. Sie schätzt die Ruhe in den Kirchen Ravennas kurz vor der Schließung, wenn man deren Pracht einmal fast ganz für sich hat. Ein schlichter Bau aus Ziegelsteinen, bis auf die rundbogigen Blendarkaden schmucklos, unscheinbar und klein erscheint das Mausoleum der Galla Placidia.

Mausoleo Galla Placidia außen – Reise Geschichten Emilia-Romagna

Innen fällt milchig-weiches Abendlicht durch Alabasterfenster. Über mir funkelt der schönste Nachthimmel der Kunstgeschichte.

Sternenhimmel Mausoleo Galla Placidia – Reise Geschichten Emilia-Romagna

Als sie sechszehn war, raubten die Westgoten Galla, die Schwester des römischen Imperators und sperrten sie ein. Das war im Jahr 410. Das römische Reich löste sich gerade auf, Halt fanden die Menschen in der neuen christlichen Religion. Seit 402 war Ravenna neue Hauptstadt Westroms, seine Lage am Meer erleichterte die Verbindung mit Byzanz.

Lünette Mausoleo Galla Placidia – Reise Geschichten Emilia-Romagna

Christus als guter Hirte und Symbole wie Taube, Hirschkuh und Weinreben erinnern an Motive frühchristlicher Katakombenmalerei, die nur von Eingeweihten verstanden wurden. Mit dem Tode ihres Bruders Honorius 423 übernahm Galla die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn. Ihr Mausoleum ist eines der frühchristlichen Bauwerke Ravennas, das von der Schaffung einer neuen christlichen Hauptstadt erzählt. Sternenhimmel und Mosaikschmuck sind ein berührendes Symbol für den Trost der gequälten Seele über den Tod hinaus und für den Wunsch, nie wieder in der Dunkelheit gefangen zu sein.

Ferrara: Einhorn und Wasserbüffel

Was macht das Einhorn am Portal von Ferraras Palazzo Schifanoia und warum steckt es sein Horn in den Boden? Der Boden ist das Sumpfgebiet um die im 7. Jh. im Stromdelta des Po gegründete Stadt. Seit dem frühen Mittelalter wurden Teile davon urbar gemacht. Das Einhorn ist ein Emblem der Este, der seit dem 13. Jh. in Ferrara herrschenden Adelsfamilie. Die Este begannen früh, die neuen Bewegungen des Humanismus und der Renaissance zu fördern und machten ihren Hof so für 150 Jahre zu einem der glänzendsten Fürstenhöfe Europas.

Die in dritter Ehe (ab 1501) mit Alfonso d’Este verheiratete Lucrezia Borgia (1480–1519) war als kluge Herzogin in Ferrara hochgeschätzt und entwickelte, den Fußstapfen ihrer Mutter folgend, weitreichende unternehmerische Tätigkeiten. Als kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Papst und Venedig die Staatskasse dezimierten, begann Lucrezia eigenständig mit geschickten Investitionen Sumpfland (etwa 20.000 ha) zu erwerben, es zu entwässern und gewinnbringend landwirtschaftlich zu nutzen. Sie produzierte Getreide, Bohnen und Oliven und hielt zahlreiche Milchkühe und Wasserbüffel für die Käseproduktion. Weitsicht und Umfang ihrer Unternehmungen waren beispiellos für ihre Zeit.

Bologna: Labor für Filmkunst

Vom ersten cineclub des Kunsthistorikers Roberto Longhi im Bologna der 1940er-Jahre, den Pier Paolo Pasolini als Student frequentierte, bis zur Gründung der städtischen Cineteca mit Programmkino unter Bürgermeister Renato Zangheri in den 1970er-Jahren, in Bologna ging die Saat auf. Das Labor für Filmrestaurierung hat sich 1999 mit der Restaurierung von Charlie Chaplins »The Kid« einen Namen gemacht. Hier befinden sich Charlie Chaplins persönliches Archiv und der Nachtlass Pier Paolo Pasolinis. Im Programmkino laufen täglich mindestens fünf Filme. Das Portal Cineturismo listet Drehorte von Filmklassikern bis hin zu aktuellen Streifen.

Rimini: Neue Hüter der Adria

Riminis Fischern geht mehr Plastik als Fisch in die Netze. Bei jeder Ausfahrt bringen sie bis zu 40 kg Müll zurück in den Hafen. Im Oktober 2019 verabschiedete das italienische Parlament das Gesetz Salvamare, das die Fischer für die Müllentsorgung im Hafen von Strafen freistellt. Vorher warfen viele den Müll aus den Netzen zurück ins Meer. Die Fondazione Cetacea, die sich für den Schutz des Ökosystems der Adria stark macht, arbeitet mit den Fischern zusammen. Die Stiftung betreibt eine Auffangstation für Meeresschildkröten in Riccione, wo jährlich bis zu siebzig Tiere wieder aufgepäppelt und gesund ins Meer entlassen werden.

Freilassung einer Meeresschildkröte Caretta caretta am Strand – Reise Geschichten Emilia-Romagna

Quelle: Fondazione Cetacea, Fotograf: Alessandro Mazza

Etwa 45000 Unechte Karettschildkröten (caretta caretta) leben in der oberen Adria, die um die Po-Mündung besonders fischreich ist. Häufig landen die Tiere verletzt als Beifang in Schleppnetzen oder werden unterkühlt an Land gespült. Seit 1994 wurden über 600 Exemplare gepflegt. Die Entlassung genesener Tiere ins Meer erfolgt auch vom Strand aus, ein bewegendes Erlebnis für groß und klein.

Modena: Traum vom Sieg

Er wollte vor allem Rennen gewinnen. Mit zehn Jahren hatte der 1898 in Modena geborene Enzo Ferrari sein erstes Autorennen erlebt. Seither war er unheilbar vom Rennfieber erfasst. Mit 21 Jahren saß er selbst erstmals als Rennfahrer am Lenkrad. Seit 1929 schickte er mit seinem eigenen Rennstall Scuderia Ferrari umgebaute Alfa Romeo ins Rennen. Im Rotznasenzeitalter des Automobils hatte Ferrari kühne Träume. Mit seiner Rennerfahrung, Wagemut und Leidenschaft gewann er die besten Konstrukteure, Mechaniker und Rennfahrer für sein Team. Mit dem ersten Rennwagen unter seinem Namen, dem 125 S (für Sport) schafft Ferrari aus dem Stand den Sieg beim Großen Preis von Rom. Sein erster Sieg bei der Formel 1 1951 leitete eine Siegesserie für Ferrari ein. Der Coup gelang mit einem größeren Saugmotor mit zwölf Zylindern, der weniger Benzin schluckte als die Motoren der Konkurrenz.

Ferrarimotor 125 S – Reise Geschichten Emilia-Romagna

Erlebnisse für Kinder

Kilometerlange Strände mit flachem Wasser, kinderfreundliche Gastgeber, Spaßbäder, Vergnügungsparks und Burgen satt. Die Emilia-Romagna macht es Familien mit Kindern leicht sich wohlzufühlen. Ich freue mich schon darauf, mit meinen Kindern am Strand dabei zu sein, wenn eine genesene Meeresschildkröte ins Meer zurückkehrt. Zu Spiel und Spaß am Strand kommen tolle Erlebnisse im Hinterland. Die Burgen machen auf eindrückliche Weise Geschichte erfahrbar. Rätselhafte Tuffsteingrotten wie die Grotta Monumentale unter Santarcangelo di Romagna laden zum Spekulieren über die Funktionen ein, während die Eltern ein vollmundiges Glas Sangiovese genießen, zum Beispiel im Restaurant La Sangiovesa. Grotten wie die Grotta del Re Tiberio bei Riolo Terme oder die Grotta di Onferno in Gemmano unterhalten kleine und große Naturforscher. Alles schon gesehen? Dann probiert die Schlammvulkane Salse di Nirano südlich von Modena, die sind echt selten!

Buchtipp

Welche der Geschichten aus der Emilia-Romagna hat euch am meisten Lust gemacht, in die Region zu reisen? Über welche Orte und Personen möchtet ihr mehr erfahren? Welches sind Eure Lieblingsorte? Ich freue mich auf Eure Kommentare!

Mehr Geschichten und Lieblingsorte aus der Emilia-Romagna, aktuelle Adressen und Tipps aus der Region gibt es in meinem neuen Reiseführer: 

ADAC Reiseführer plus Emilia-Romagna, 1. Auflage 6. Mai 2020, Gräfe und Unzer, 192 Seiten, ISBN 978-3956896484

PS: Am 18. Mai 2020 öffnen in Italien viele Museen und Parks die Türen wieder für Besucher. Wenn ab Juni Reisen in Europa wieder möglich sind, steht einer Reise nach Italien praktisch nichts mehr im Weg.

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