Hanno Rinke: Fast am Ziel. 99 Umwege.

Von Hamburg nach Apulien und wieder zurück. Fast am Ziel – 99 Umwege, diese Reise dauert ein Leben – auch wenn es nur vier Wochen sind. Im Jahr 2016 startet Hanno Rinke mit zwei Gefährten Richtung Süden – im Mercedes und mit dem Rollstuhl im Gepäck. Akribisch geplant steuert er die Orte seines Lebens an, die ihn prägten und begeisterten: Hotels, Pensionen, Restaurants, Strände – Orte aus der Kindheit und der Sturm-und-Drang-Zeit des Lebens. Eltern, Freunde und Geliebte treten auf, einzigartig pointiert und liebevoll beschrieben.

Und dann ging sie los, die große Sommerreise: an nie gesehene und an lang vermisste Orte. Neugier im Kopf und Furcht im Herzen. Oder umgekehrt.

Für Italien-Fans ist der Schmöker eine Schatztruhe voller Erinnerungen an Italienreisen in der Mitte des letzten Jahrhunderts, als die Reisenden sich schon im Automobil über die Alpen wagten, das aber häufig zum culture clash führte.

Der Umweg ist das Ziel

Was bedeutet eine Reise, die aus Umwegen besteht, aus 99 aneinandergereihten Umwegen? Dahinter versteckt sich die Botschaft: Vergiss das Ziel, denn das ist der Weg oder genauer der Umweg. In Hanno Rinkes Reisebuch versteckt sich ein Lehrstück über das Leben: Finde deinen Weg, akzeptiere und achte deine Umwege. Sie gehörten zu dir, machen dein Leben aus. Eine tröstliche Botschaft.

Der Reisebericht dient dann auch als Hintergrund, wird dem Autor zur Bühne für sein Leben, seine Erinnerungen: Geschichten aus der Kindheit, an Tage und Nächte als junger Mann, an Anekdoten aus dem Berufsleben, das ihn auf beide Seiten des eisernen Vorhangs führte. Es sind Beobachtungen, Analysen und pointierte Beschreibungen, stets völlig subjektiv und deshalb voll interessanter Einsichten. Es geht um Geschichte, Politik, Religion, das Alter und natürlich Sex.

Auftritt Hanno Rinke

Hanno Rinke, Jahrgang 1946, wuchs in Hamburg auf, wo er ab 1965 Jura und Komposition an der Musikhochschule studierte. Er landet eine Ausbildung für Führungskräfte bei Siemens und wird 1972 Product Manager für Neuveröffentlichungen bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Als Leiter des Repertoire Büros knüpfte er persönliche Kontakte zu Kulturorganisationen in Moskau, Leningrad, Ost-Berlin, Warschau und Prag. Er produziert Künstler wie Leonard Bernstein, Mstislav Rostropovitsch und jettet zu Aufnahmen in Tel Aviv, Tokio, New York und Los Angeles um die Welt. Im Jahr 1993 beendet er seine Karriere und arbeitet nun als freier Autor, Komponist und Regisseur. Er lebt in Hamburg und Meran.

Altern mit Haltung

Im Alter wird man, besonders wenn man nicht töricht ist, einsamer; und damit stellt sich die Frage: Will man seine Einsamkeit teilen, mitteilen oder ausleben? Ich habe nach reiflicher Überlegung den Entschluss für mein eigenes Dasein gefasst. Ich mache alles drei …

Hanno Rinke

Im Jahr 2016 macht sich Rinke auf eine lange Sommerreise Richtung Süden. Weil laufen und tanzen nicht mehr so gehen wie früher, gemeinsam mit seinen „Gefährten des Alterns“, Silke und Rafał. Was für Zwanzigjährige ein unterhaltsamer Roadtrip ist, wird für den Siebzigjährigen nach seinem Schlaganfall zu einer akribisch geplanten Expedition. Herzstück der Ausrüstung: der Behindertenausweis (laufen kann Rinke nur noch schlecht) sowie Hotel- und Restaurantbuchungen für das Re-enactment seines Lebens.

Trotz der inzwischen als nicht mehr lauftüchtig pensionierten Kommissare gab sich Halle extrem behindertenphob. Ans Zentrum war einfach nicht ranzukommen.

Hanno Rinke

Das Alter ist (für mich) der Schlüssel zum Lesen (und eigentliches Thema) des Buches Hanno Rinkes „Fast am Ziel“. Rinkes offene, schonungslose Art mit seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit umzugehen, war mir erst fremd und wurde mir zunehmend sympathischer. In einer Gesellschaft, die Jugend und Schönheit glorifiziert, gleicht sich alt und gebrechlich nicht zu verstecken schon an Revolte. Aus der Mitte des Lebens heraus werde ich selbst immer sensibler für ageism, Altersdiskriminierung (a là Stellenanzeigen für Bewerber*innen bis 32 Jahre). So wird Rinkes Reisebuch für mich (und für alle weit vor ihrem 70. Lebensjahr) auch zu einer Reise in die Zukunft: Wie man das Alter nehmen und leben könnte. Wie es sich anfühlt, mit vielen Toten zu leben, mit Freunden, die vorher gegangen sind.

Familienalbum mit Reisebericht

Wie wichtig ihm überhaupt seine Familie, Freunde und Lebensgefährten sind, zeigt sich gleich am Anfang des Buches. In prägnanten Kürzestporträts stellt Rinke Freunde und Familie vor. Seine Beschreibungen von Menschen gehören für mich zu den gelungensten Passagen des Buches. Sie zeigen einen begabten, sensiblen, weltoffenen und geselligen Charakter mit eindrucksvoller Menschenkenntnis.

Mit so vielen wunderbaren und interessanten Menschen an seiner Seite schöpfen Rinkes Geschichten aus dem Vollen. Humor, Stilbewusstsein, ein gesunder Anteil Arroganz und Selbstironie machen die Lektüre zum Genuss. Auf immerhin 400 Seiten.

Sehnsuchtsland Italien

Sie führt nach Italien, für viele Jahre Urlaubsstammland für Rinke und seinen Lebensgefährten. Zum ersten Mal fährt er 1954 mit den Eltern an die Adria, er ist neun. Adriastrand und Salami in Riccione. Fangokur an Abano Terme. Venedig im ersten Studienjahr. Auf Goethes Reiseroute in Süditalien und nach Lipari (für Geschäfte des Vaters). Da wurde der Wagen in Neapel noch mit dem Kran auf die Fähre gehievt! Begeistert in Pompeji. Aperitif am lungolago in Taormina. Culture clash in Rom. Italienreisen während der Wirtschaftswunderjahre.

Würde ich all die Schauplätze meines Italien-Gefühls wiederfinden, wiedererleben und (mit-)teilen können? Würde ich überhaupt zu den Orten durchdringen, mit meinen Beinen, mit meiner Seele?“ Man ahnt die abschlägige Antwort: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.

Hanno Rinke

oder

Auf Capri gerieten wir gleich in eine Clique mit einer Thyssen-Erbin, dem Bernadotte-Erben und Innenarchitekten Eric Jacobson, genannt die rote Hilde und dem Modeschöpfer Valentino aus Rom.

Hanno Rinke

man ahnt es, ein wahnsinniger Spaß. Italien war Rinke und Gefährten eine innere Heimat, ein sicherer Hafen. Die Orte, Strände, Restaurants und Städte wurden Teil seines Lebens, zu denen er immer wieder zurückkehrte.

Eintreffen in Rom. Am Kolosseum jede Straße wiedererkennen. Fast eine Heimkehr. Rom ist (wie ich finde) der heimliche Höhepunkt der Reise, die Passage über das Caffè Greco für mich der Schlüsselmoment für sein Italiengefühl, wie ein Gedicht aus dem Jahr 1966 zeigt. (Ist nicht jeder Ort, der ein Gedicht erhält, ausgewählt und besonders? Ein Gedicht ist immer eine Auszeichnung, ob es gut getroffen ist oder nicht.)

Ich bin überzeugt, dass jeder so einen Ort besitzt, der elektrisiert, an dem sich das Herz öffnet und mit dem man fortan eine Art Beziehung führt, meist eine Fernbeziehung. Aber natürlich ist es besonders einfach sich in Rom zu verlieben. Rom, die ewige Stadt!

„Diese Sorge um ein erfülltes Dasein“

Die Welt habe ich nicht verändert und erst recht nicht besser gemacht – mein Leben schon. Jeder gerechte Gott wird diese Sorge um ein erfülltes Dasein mehr anerkennen als die Unbedingtheit eines Utopisten wie Robespierre, Lenin oder Hitler, der Millionen in den Abgrund gestürzt hat.

Hanno Rinke

Wer mich fragt, ob mir Rinke sympathisch ist, dem kann ich gerade heraus antworten: kommt darauf an! Die Antwort ist eine schwankende. Sie reicht dank sinnlos provokanter Sätze und Erklärungen (wie zum Pfählen) von: Was für ein Idiot! bis zu: uneingeschränkter Sympathie. Auf 400 Seiten akribisch protokollierter Tagebucheinträge bleibt viel Zeit und Raum die Meinung zu ändern.

Nach Abschluss der Lektüre bleibt – Respekt. Respekt für ein erfülltes Leben. Für eindringlich-lakonische und liebevolle Beschreibungen der Eltern und Großeltern und Freunde. Für ehrliche und ironische Selbstporträts. Für diese Reise und die Erinnerungen.

Rückkehr: Wie geht es jetzt weiter?

Hanno Rinke ist fast am Ziel – in diesem Fall gut zu Hause angekommen, seinen Gefährten sei Dank. Er schreibt weiter, dem Internet und seinem Blog sei Dank. Und ich könnte mir gut vorstellen, seinen Spuren zu folgen, in Rom werde ich ganz sicher einmal im Caffè Greco vorbeischauen.

Bibliografie

Hanno Rinke: Fast am Ziel. 99 Umwege. Mitteldeutscher Verlag. 1. Auflage 2020. 420 Seiten. Gebunden. ISBN 978-3963113796

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.