Freizügigkeit – Eine Polemik

Zum ersten Mal überhaupt öffne ich oblomovmäßig im Bademantel die Haustür. Bisher hatte ich dazu einfach keine Gelegenheit. Ich trage Modell flauschig, mein Besucher trägt neben weißem Helm dunkelblaue Uniform mit der Aufschrift Polizia municipale. Fein, denke ich, das ist nun die Kontrolle. Meine Beamtin im Ufficio anagrafe hatte mich schon auf diesen essentiellen Schritt auf dem Weg zur Niederlassung in Italien hingewiesen. Der Polizist fordert eingelassen zu werden und weil mich unwohl fühle in meinem Outfit, merke ich mir nicht, wie er sich vorgestellt hatte. Seinen Wunsch erfüllend führe ich ihn ins Wohnzimmer, wo er – irgendwie erschöpft – am Esstisch Platz nimmt. Nach Vorstellung und Einlass, lautet seine erste Frage an mich, warum ich (ausgerechnet) nach Italien gekommen sei. Nach einem kurzen Moment der Irritation antworte ich ein Zwinkerndes per l’amore. Ich mag mich irren, aber die Reaktion ist stets eine Mischung aus Unverständnis, Mitleid und Bedauern, das im Ungesagten meines Gegenüber mitschwingt. Ohne Ausnahme wird die Frage jedes Mal gestellt, ob nun ausgesprochen oder nicht.

Blick auf den Borromäischen Golf Lago Maggiore

Von der Freiheit sich niederzulassen

Politisch und philosophisch gesehen mag die Stimmung zwischen Lateineuropa und Padanien (nofollow) oszillieren. Fakt ist – und Fakt ist das Empfinden und Begehren der Basis, des Wahlvolks, des Polizisten, des Arztes, der Beamtin. An dieser Basis bemerke ich, die Zugereiste, Ausländerin, bemerke Unverständnis, Resignation und verletzten Stolz. Ich sage nicht, dass jede Italienerin, jeder Italiener resigniert hat (dies mag auf die italienischen Intellektuellen in Berlin zutreffen) aber ich erahne doch sehr, sehr häufig einen Zweifel am eigenen Land.

Kein dolce vita, dolce far niente. Da ich hier jetzt das Komplettpaket Italien ohne Rückfahrkarte gebucht habe, kann ich nicht mehr auf die Dinge verzichten, die mir nicht passen. He, und da sind schon einige auf der Liste. Punkt 1: Zur Privatsphäre und zur Freiheit der Wohnung: Ich setze mich mal hin! Wo arbeiten Sie? Warum sind Sie nach Italien gekommen? Wem gehört das Haus? Pflichtgemäß und mit wachsendem Unbehagen antworte ich auf die Fragen des Polizisten. Warum muss ich diese privaten(!) Fragen ein zweites Mal beantworten? Noch dazu muss ich anschließend den Fragebogen weder unterzeichnen, noch erhalte ich eine Kopie!

Kontrollierte Freizügigkeit

Neugier gegen Neugier denke ich, als sich der Polizist zum Gehen wendet. Was kontrollieren Sie eigentlich, frage ich ihn. Und warum? Da mir schon den ganzen Besuch lang unklar ist, auf welcher Rechtsgrundlage dieser stattfindet und welcher Teil davon Neugier ist, finde ich meine Frage gerechtfertigt. Der nun folgenden Erklärung kann ich dann aber nicht komplett folgen. Lag es an den Sprachkenntnissen oder der Logik – mir fehlt in seiner Erklärung ein logischer Schritt. Erst das letzte Argument erscheint mir wieder sinnvoll: die Privilegien. Aha, die Privilegien als residente, als Einwohner. Da fallen mir ein:

  • günstigerer Skipass in den Skigebieten der Provinz VCO (Macugnaga, Domobianca, Alagna) – gilt nur Dienstag vormittags
  • ermäßigtes Benzin – 2013 abgeschafft

Ist es das? Kann ich meine Vorteile maximieren, wenn ich mich in mehreren Provinzen anmelde, weil ich z. B. Pendler bin? Ich bin weiterhin ratlos. Vielleicht gibt es einfach keine Antwort. Es wurde und wird kontrolliert, basta.

PS: Gestern erhielt ich einen Anruf vom Ufficio anagafe. Meine Identitätskarte sei fertig und könne abgeholt werden.

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Kategorien Leben & bloggen in Italien

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Stefanie lebt mit italienischer Familie am Lago Maggiore, im Norden des Piemont. Einen Ort entdecken heißt alle Sinne nutzen – sehen, hören, zuhören, berühren, schmecken. Die Sprache sprechen kann Wunder bewirken oder ein Tanz zu lokaler Musik!

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