Kolumne

Vorbild Südafrika. Auf der Weihnachtsfeier.

Nelson Mandelas Tod löste weltweit einen Tsunami an Anteilnahme aus. Mandelas einzigartiges Vermächtnis der Versöhnung inspiriert Menschen weltweit. Auch hier in Italien fand ich in Schaufenstern Mandelaporträts mit „Grazie, Madiba!“ Was ich nicht wusste, Ende der 1990er Jahre zur Zeit des Tangentopoli-Skandals (siehe auch Mani pulite) gab es in Italien den Vorschlag zu einer Versöhnungs- und Wahrheitskommission, wie sie es unter der Leitung von Desmond Tutu in Südafrika gegeben hatte. Nicht ohne das Prinzip der Wahrheitskommission auf Italien anzupassen, hätte sie geholfen, der Wahrheit näher zu kommen und die Politik zu rehabilitieren. Sie hätte der Frage nachgehen können, warum Italien nicht wie andere europäische Länder über einen funktionierenden Selbstheilungsmechanismus verfügt, bei dem Politiker unter Korruptionsverdacht noch vor dem Beginn von Ermittlungen zurücktreten, um dem Ansehen des Gemeinwesens nicht zu schaden. Stattdessen kam ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zum Einsatz, der einen Neuanfang verhinderte.

„Die Katharsis und die Erneuerung waren ausgeblieben, und auch das Gefühl der Scham war verschwunden, das jeder Katharsis vorausgeht und das die politische Klasse und die Eliten Italiens nicht teilten. Ohne noch genau definiert zu sein, wurde der Vorschlag bereits als nicht praktikabel verworfen. Leider sind dadurch der Sumpf, der sinnlose Streit und die äußerst schädliche generelle Vergebung an die Stelle einer moralischen und politischen Erneuerung getreten.“ (B. Spinelli „Der Gebrauch der Erinnerung“)

Mehr zu dieser Zeit im Kapitel „Italien: der Pakt des Vergessens“ in Barbara Spinellis: Der Gebrauch der Erinnerung. Europa und das Erbe des Totalitarismus.

Vielleicht war es mein Hintergedanke von Anfang an, in dieser Kolumne lose Gedanken zur Politik unterzubringen, die in einem Reiseblog nichts zu suchen haben. Wahrscheinlich ist es aber nur das erste Mal, seit ich in Italien lebe, dass mir die Themen Politik und Kriminalität im alltäglichen Kontext ganz unerwartet begegnen. Auf dem Weg in die Oper fuhren wir am Mailänder Messegelände vorbei. Meine Nachbarin seufzte und sagte: Wie viel Boden hier für nichts zubetoniert worden sei, wie viel Geld gewaschen. Auf der Weihnachtsfeier hörte ich gestern eine ältere Dame sagen: dieses Geben und Nehmen, dieses eine Hand wäscht die andere, dieses Vergünstigungen erwarten hintenrum – das sei für sie der Anfang der Mafia. Für mich bestätigen diese Worte die Ansicht, die ich auf dem Literaturfest in Mantua von Enzo Ciconte gehört hatte: Mafia sollte nicht nur als kriminelle Organisation verstanden werden, sondern müsse als Haltung und Charakter erkannt werden, der Entscheidungen beeinflusse. So werde aus einem Phänomen für die Strafjustiz eines, das alle angeht.

Dies alles sind wenig friedliche und besinnliche Gedanken! Auch das Thema Weihnachten ist hier bisher stark zu kurz gekommen. Dafür dreht sich in den Linktipps aus anderen Blogs heute alles um das schönste Fest des Jahres! Lifestyle Italien stellt die Weihnachtsmärkte in Südtirol vor. Wie schön, sie sind bis Anfang Januar geöffnet! Die Arena in Verona gibt den in Italien beliebten Weihnachtskrippen eine riesige Bühne – und das sogar bis 26. Januar!

Mein Italienisch-Tipp in dieser Woche ist eine außerordentliche Wissensquelle zu italienischen Liedermachern! Texte und Biografien der Liedermacher aller Epochen, von Olymp bis Pop!

Geschenke und Koffer sind gepackt, wir werden Weihnachten in Deutschland verbringen. Ich wünsche Euch und Ihnen fröhliche und besinnliche Weihnachten!

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