Beweinung Christi dell Arca

Italiener im deutschen Vorurteil

Über unser Lieblingsland Italien haben die meisten eine Meinung. Alle Meinungslosen – behaupte ich – interessieren sich nicht für Italien oder waren noch nicht da! Doch Meinungen kommen oft mit einer Altlast daher – Vorurteil genannt. Meist sind wir uns dessen nicht einmal bewusst. Oft genug tragen wir zu deren Weiterleben bei. Sämtlichen Vorurteilen der Deutschen über Italiener geht Klaus Bergdolt in seinem Buch: „Kriminell, korrupt, katholisch. Italiener im deutschen Vorurteil“ auf den Grund. (Wie weit verbreitet Vorurteile gegenüber Italien und Italienern bis heute sind, zeigt der Blick in die Tagespresse oder hier.)

Italien als Allmende für Künstler

Man könnte ja meinen, der Tourismus wurde für Reisen nach Italien erfunden. Italien diente früh als Allmende für Kunsthistoriker, Künstler, Architekten und alle anderen auf der Suche nach Inspiration. Grand Tour – Grand Touristen. Als alles begann, war der Tourist noch ein Abenteurer!

Vor den Touristen waren die Bischöfe und Gesandten, Kaufleute und Händler auf dem Stiefel gereist und hatten persönliche Zeugnisse hinterlassen, wie sie subjektiver nicht sein konnten.

Kein Wunder, dass ich schon oft das Gefühl hatte, in einem Meer aus Meinungen zu ertrinken: Goethe, Goethes Vater, die Humanisten – alles Italienversteher. Wann wurde Rom überhaupt erstmals von Teutonen als Sündenpfuhl beschrieben? Und die Venezianer als verrucht?!

Seit der Lektüre von Klaus Bergdolts „Kriminell, korrupt, katholisch? Italiener im deutschen Vorurteil“* bin ich gelassen. Das Buch spürt sie alle auf: Italienversteher, Italienerverachter und die ausgeblendeten Theorien im Kopf mit dazu. Seitdem navigiere ich ruhig durch den Ozean der Italienzeugnisse. Dieses Buch ist mein Kapitän.

Wertvolles Wissen statt Klischees

Im September 1943 „erhoben sich in Neapel Ärzte, Professoren, Studenten, Priester, Mütter mit Kindern und selbst Gassenjungen gegen die deutsche Besatzung“ und zwangen zum ersten Mal in der Geschichte des Dritten Reiches die deutschen Okkupanten auf Augenhöhe mit zivilen Aufständischen zu verhandeln. Ein Wendepunkt in diesem Krieg. Autor Klaus Bergdolt stellt die Würde und den Mut der aufständischen Neapolitaner den unzähligen negativen Zeugnissen über die Stadt Neapel und ihre Bewohner gegenüber. Dieser Aufstand musste jegliche moralische Überlegenheit deutscher Intellektueller beenden.

Mit diesen allerersten Sätzen des Buches weiß ich mich bei Bergdolt in sicheren Händen. Im Buch zeigt, erzählt und seziert er das deutsche „Überlegenheitsgefühl, das sich oft genug auf seltsame Weise mit demonstrativer Begeisterung für italienische Kunst und Geschichte verband und im 19. Jahrhundert pseudowissenschaftlich untermauert wurde“.

Der Autor nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch sämtliche je über die Italiener geäußerten Vorurteile. Und verändert damit unsere Wahrnehmung Italiens für immer.

Irritierendes Phänomen deutscher Arroganz

Trotz Italiensehnsucht und Bewunderung italienischer Lebensart, Vergötterung von Landschaft und Kunst des Südens – Römer, Venezianer, Florentiner, Sizilianer – Italiener wurden (und werden?) als rückständig wahrgenommen. (Die Überheblichkeit scheint heute auf Spiegeltiteln wie „Ciao amore“ oder „Erpressung“ weiterzuleben.)

Gerade weil Kritik, Vorurteile und antiitalienischer Diskurs bis heute nachwirken, lohnt es sich, in die Vergangenheit zu schauen. Welche Annahmen und welche Weltsicht spielen eine Rolle? Welches Bild von uns selbst? (Denn was wir von anderen denken, sagt doch zuerst etwas über uns selbst aus.)

Die abstrusesten Theorien werden rational begründet. Wie das schöne Beispiel des geografischen Determinismus: Mittägige Völker neigten – besonders um die Mittagszeit – zu Weichlichkeit, Wollust und Arglist. (Das raue Klima des Nordens fördere dagegen Erfindungsgeist, Scharfsinn, Fleiß und Standhaftigkeit, fanden Schiller und viele andere.)

Doch zurück zur Gegenwart! Regelmäßig begegnen wir diesen Reflexen der Politiker: Wegen deutscher Belehrungen gehen die Italiener blitzschnell in die Luft. Die Deutschen fordern regelmäßig harte Sparmaßnahmen ein. Die Italiener beschuldigen die deutschen Politiker fehlender Empathie und begründen fehlende Reformen damit, den Menschen nicht weh tun zu wollen. Gut zu wissen, dass finanzpolitische Streitereien dieser Art schon im 16. Jahrhundert auftraten! Damals fühlten sich deutsche Bischöfe durch die römische Kurie als Goldesel ausgenutzt.

Aufklärer, Politiker & betrügerische Wirte

Im 19. Jahrhundert kulminierte die Kritik am italienischen Nationalcharakter. Für Aufklärer wie Schiller (ist nie in Italien gewesen!) waren mit der Reformation die Ketten des Vatikans abgeworfen worden. Sie weiteten ihre Kritik an der katholischen Kirche auf Italien als Nation aus. Und negierten dabei komplett die Aufklärung in Italien. (Die Abschaffung von Todesstrafe und Folter wurde erstmals in der Toskana in die Verfassung aufgenommen!) Kritikpunkte an der Fortschrittlichkeit der Italiener waren die geringe Alphabetisierung oder ein schwaches Sozialsystem. Reisende wiederholten die Stereotypen in ihren Berichten. Die Gründe dafür reflektierten nur die wenigsten. Im Kapitel „Antikatholizismus als Programm“ zeichnet Bergdolt anhand zahlreicher Fakten, Zitate und Beispiele ein desaströses Bild von Geringschätzung und Polemik, bis hin zu Hass.

Unterhaltsamer ist da die Lektüre der Reisefiaskos. Raub, Mord, Betrug und Schmutz. Kurz gesagt: „An Messer- und Halsabschneidergeschichten ist kein Mangel.“ Pech, dass betrügerische Wirte den Kunstgenuss oder religiöser Fanatismus Schönheit und Harmonie störten.

Ob das Zusammenklucken unter Expats oder akademische Arroganz – akribisch geht der Autor den Sichtweisen Deutscher auf die Italiener auf den Grund und deckt früheste Quellen auf. (Es begann im Mittelalter!) Wer mit den eigenen Vorurteilen aufräumen mag, indem er ihnen gründlich nachspürt, findet in diesem Buch den idealen Begleiter. Kenntnisreich, detailversessen und mit vielen Zitaten beweist Bergdolt, dass wir Deutschen seit jeher gern belehren.

„Kriminell, korrupt, katholisch“ ist dabei nicht einseitig. Italophile Stimmen und tolerante Beobachtungen hat es natürlich gegeben. Auch die Italiener selbst kommen zu Wort.

Vorurteile hinterfragen und empathische Sichtweisen einnehmen sind keine deutschen Stärken. Die eigene Kultur und Prägung abzusetzen wie eine Brille ist eben kaum möglich. Sie kleidet uns unmerklich, unsichtbar. Beim Erzählen über ein anderes Land ist Objektivität schwierig bis unmöglich. Vielleicht lohnt es, weniger zu urteilen, mehr zu beschreiben, zu erzählen. Oder sich zu fragen, wie und warum die Menschen so leben wie sie leben. Wir würden ohne Zweifel Gemeinsamkeiten finden, an die wir anknüpfen können.

Über Klaus Bergdolt

Der Arzt und Kunsthistoriker Klaus Bergdolt hat zur Kultur- und Wissenschaftsgeschichte Italiens geforscht und viele Jahre unter „den verruchten Venezianern“ gelebt, als Direktor (5 Jahre) und Vorsitzender (acht Jahre) des deutschen Studienzentrums in Venedig. Dass ihm das Aufräumen mit Vorurteilen eine Herzensangelegenheit ist, beweist er mit unzähligen Fakten – auf äußerst lesenswerte Weise.

Bibliografie

COVER_Italiener_im_deutschen_Vorurteil

Klaus Bergdolt: Kriminell, korrupt, katholisch?: Italiener im deutschen Vorurteil*, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2018. Gebunden. 243 Seiten. ISBN 978-3-515-12123-1

 

 

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Kategorien Kultur

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Lebt mit ihrer Familie am Lago Maggiore, im Norden des Piemont. Einen Ort entdecken heißt alle Sinne nutzen – sehen, hören, zuhören, berühren, schmecken. Die Sprache sprechen kann Wunder bewirken oder ein Tanz zu lokaler Musik!

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