Bekannt ist mir die lombardische Stadt Mantua zunächst als Romeos Verbannungsort. Das ändert sich mit Festivaletteratura, dem Festival für Autoren und ihre Bücher, das jährlich Anfang September in Mantua stattfindet. Die Themen? Alles, was den Italienern unter den Nägeln brennt. Mantua wird dann zur Bühne für das Gespräch über Italien, bei dem jeder dabei sein kann. Mantua ist innovativ, gut für Neuanfänge. Mantua fährt Rad. Und Mantua schläft nicht.
Ein Wochenende und eine lange Liste mit Veranstaltungen sind was ich habe. Meine zwei Strategien: einmal suche ich Namen, die ich kenne. Ich entdecke Dacia Maraini, zeitgenössische Autorin, die ich aus meinem Italienischlehrbuch kenne. Und Günther Wallraff. Zweite Strategie: Ich möchte ich Italien möglichst nahe kommen, will zuhören, worüber die italienischen Autoren und Intellektuellen debattieren und diskutieren und wer ihnen dabei zuhört. Aber wo bleibt Mantua?
Mantuas bildungshungrige Herrscher
Klar ist: für Kirchen, Denkmäler und alles was für Mantua wichtig ist, bleibt an diesem Wochenende keine Zeit. Klar ist auch: Mantuas Rolle als kultureller Leuchtturm begann vor langer Zeit, in der Renaissance. Ursprünglich eine etruskische Gründung hatte Mantua in der Renaissance ausgesprochenes Glück mit seinem Herrscherhaus. Seit dem 14. Jahrhundert befand sich die Stadt unter der vernünftigen und vor allem friedvollen Herrschaft der Familie Gonzaga. An ihrem Hofe erzog einer der besten Humanisten seiner Zeit die Fürstenkinder und ebenso mittellose Talente, wofür der Fürst wie selbstverständlich aufkam. Francesco Gonzaga und seine Frau Isabella von Este, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts regierten, waren Patrioten und ein einträchtiges Paar. Isabella war eine kunstinteressierte Mäzenin und Sammlerin. Eine wertschaffende Politik und Stadtplanung prägten die herrschaftlichen Entscheidungen über Generationen.
Beispielhafte Stadtplanung
Im Jahr 2008 wird Mantua gemeinsam mit der 30 km entfernten Stadt Sabbioneta für die Umsetzung der Ideale der Renaissance bei der Stadtplanung Weltkulturerbe der UNESCO. Unter der herrschenden Familie der Gonzaga wurde Mantua zum Zentrum der Renaissance und trug deren Werte in das Land hinaus.
Die Lage Mantuas in der sumpfigen Poebene machte ein ausgefeiltes hydraulisches System notwendig. Schon im zwölften Jahrhundert entstand das die Stadt umgebende System der drei Seen mittels eines Damms. Jede nachfolgende Herrschergeneration nahm Erweiterungen und Verbesserungen dieser Anlagen vor. Die Gonzaga gelangten 1328 durch einen Staatsstreich an die Macht und hielten diese bis 1707, ihr Reich ökonomisch und kulturell zum Erblühen bringend.
Festivaletteratura
Wir kommen am frühen Vormittag in Mantua an, als alle Parkplätze um und in der Stadt bereits belegt scheinen. Doch dann passiert das Unfassbare, direkt vor uns parkt ein Wagen aus. Zehn Minuten später erleben wir damit noch das Ende der Diskussion um Verantwortung mit Luigi Ciotti: „Zwischen Himmel und Erde: Wann Verantwortung kein Luxus ist.“ Don Luigi Ciotto ist ein Priester, der sich seine Autorität gegenüber den Bürgern verdient hat. Er ist der Gründer von Libera, der Organisation, die von kriminellen Organisationen konfiszierte Ländereien verwaltet und Mitorganisatorin der zivilgesellschaftlichen Bewegung (Frühlingsanfang mit Libera) gegen Mafiaorganisationen in Italien ist.


Zum Mittagessen bleiben wir gleich gegenüber dem Telekom-Italia Zelt, das sich schnell füllt. Hinter meinem Rücken wohlgeformte deutsche Sätze mit italienischem Akzent: ah, der junge Mann ist der Dolmetscher von Günther Wallraff, den ich hinter mir erkenne. Im Zelt, mit Live-Zeichner und allerlei Web-Live-Action nehmen Enzo Ciconte und Carlo Lucarelli für den Dialog „Alle Mafias Italiens“ vor uns Platz. Ciconte ist Hochschuldozent, Politiker und Berater der Regierungskommission in seiner Eigenschaft als Experte für organisierte Kriminalität. Er erforscht vor allem die expansiven Mechanismen krimineller Organisationen. Lucarelli ist Krimiautor, Regisseur und Moderator. Das Gespräch beginnt mit einem Vorschlag: Mafia sei keine kriminelle Organisation, sondern eine Charaktereinstellung mit dem daraus resultierenden kriminellen Verhalten. Auf einmal ist Mafia keine Geheimgesellschaft mehr, die aus Blutsbanden oder Armut rührt, sondern etwas das uns betrifft. Mir gefällt dieser radikale Ansatz, weil damit jedes Individuum in eine Entscheidung zur Legalität gezwungen wird.
Danach eilen wir zum Staatsarchiv, wo Stefano Rodartà mit der Feministin Annarosa Buttarelli und Bloggerin Terragni über die Zukunft des Zusammenlebens der Geschlechter diskutiert. Die Warteschlange löst sich schnell in den sonnigen Innenhof auf, wo wir uns mit allen anderen ohne Sitzplatz (alle schon belegt) gemütlich auf dem Boden im Schatten der Bäume niederlassen.

Der Jurist, Hochschullehrer und ehemalige Europaparlamentarier Rodotà war einer der Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten im April 2013, zu dessen Wahl die Fünf-Sterne-Bewegung Beppe Grillos und die Ökologische Linkspartei aufgerufen hatten.
Um fünf freue ich mich auf einen deutschen Journalisten auf dem Podium: Günther Wallraff. Allerdings haben wir keine Karten für das ausverkaufte Teatro Ariston. Da glückt uns ein zweiter Coup: Als wir im hinteren Drittel der Warteschlange gerade Günther Wallraff gegen ein Eis tauschen wollen, kommt eine Frau mit zwei freien Karten auf uns zu, um sie uns anzubieten. So lerne ich auch Fabrizio Gatti kennen, der sich unter anderem, als wahrer Wallraff-Schüler, aus Flüchtling aus dem Irak auf Lampedusa ausgegeben hat und darüber berichtete. Er ist nicht nur Journalist, sondern auch ein engagierter Jugendbuchautor.

Mein Abend endet im Teatro Minimo, dem wohl kleinsten Theater Mantuas, in dem mit Leidenschaft Pirandellos Klassiker Sechs Personen suchen einen Autor aufgeführt wird.

