“Merda, cazzo, maledetto” flucht Elena Barone, während sie das Gepäck die vielen Stufen zu ihrer Bleibe in Molina Lario hinaufhievt. Die deutsch-italienische Promifotografin, in Como geboren und am Titisee aufgewachsen, ist für einen lukrativen Auftrag an den Comer See gekommen. Die Paparazza soll Villenbesitzer und Hollywoodstar George Clooney und dessen angebliche Neue ablichten.
Als sie der undurchsichtige Auftrag mit fünfstelligem Vorschuss per Telefon erreichte, hatte sie ohne Zögern zugepackt. Nun bringt sie Nacht für Nacht ihr Boot vor der Clooney-Villa in Position und gerät dabei in Seenot. Gut, dass die Endvierzigerin anpacken kann, denn sie muss schnell handeln, um sich zu retten und im Boot samt Fotoausrüstung nicht unterzugehen. Haben die Bootsverleiher von Gandola Cantieri das Seenotdisaster absichtlich verursacht?
Zu allem Unglück erleidet auch ihre Karriere einen Knick. In Zeiten von Instagram und künstlicher Intelligenz kommt, was kommen muss. Elena verliert ihre Stelle bei der Bildagentur. Der Vorschuss ist längst aufgebraucht und von Clooney keine Spur. Wenn nicht schnell etwas passiert, kann Elena Barone einpacken. Die spannende Geschichte entwickelt sich rasant und hält viele Überraschungen bereit, darunter eine James-Bond-würdige Flucht.
Während die Paparazza Ufer, See und Villa nach Clooneyschen Lebenszeichen absucht, erleben die Leser Sound und Landschaft des Lario, wie die Italiener den See nennen: das glockengestützte Mittagskonzert in den Dorfkirchen am Seeufer, das wechselnde Leuchten der Wasseroberfläche, die thermischen Winde Breva und Tivano oder die durch die Jahrhunderte gewachsenen Häuserschichten, die sich den Hang hinaufziehen.
Als ehemaliger Chefredakteur der Titanic ist Oliver Maria Schmitt ein gewandter Satiriker. In seinem neuen Roman KomaSee geht er sprachlich in die Vollen: eine Flut aus Stabreimen, schnell wie TikTok-Videos fließende Skizzen, ein steter Strom aus Anglizismen, ein Generationen-Battle zwischen Generation Alpha (cringe, genderfluid) und Generation X, unterstützt von Tocotronic-Lyrics. Das Namedropping reicht von den Eurovision-Gewinnern Måneskin bis zum Philosophen Giorgio Agamben, Online-Geschäftsmodellen am Rande der Legalität und gipfelt im schönsten Kompliment von Generation Alpha an X: “Irgendwie bist du wie so’n altes, schönes Vinylalbum in einer Welt voller Streaming.” Schmitts Einsatz hat sich gelohnt: Das sprachliche Gesamtbild ist stimmig und macht großen Spaß. Nicht zuletzt, weil der Autor gekonnt zwischen überdreht und informativ, zwischen wortreicher Bewunderung der Landschaft und unerbittlicher Analyse wechselt. “Die ständig verstopften Uferstraßen umgaben den Lago wie ein verkalktes Herzkranzsystem. Der letale Infarkt war nicht der drohende Notfall, er war die tägliche Regel.”
Schmitt wohnt am Comer See und ist ein Kenner der Region. Die treffende Kritik der Besucherhorden, die den See heimsuchen, legt er Faustino in den Mund, Elenas Freund, Fahrer und Lieferant für Possen jeglicher Art: Touristen seien Geflüchtete, ja Verlorene der Zivilisation auf der Flucht vor der Langeweile und sich selbst. Sie seien gekommen, um das zu zerstören, was sie suchen. In diesen Momenten der Kritik offenbahrt der an Klamauk, Pointen und Übertreibungen reiche Roman seine tiefe Zuneigung zur Region. Schmitts KomaSee ist Krimi, Familiengeschichte und Reiseführer zugleich – ein großer Lesespaß nicht nur im Urlaub.
Oliver Maria Schmitt: KomaSee, Rowohlt, 320 Seiten, 24 Euro

