Das verborgene Leben der Fledermäuse

Mikrobiologen vom Wasserforschungsinstitut in Verbania am Lago Maggiore beproben eine Fledermaus am Monte Morissolo. Ist sie am Weißnasensyndrom erkrankt?

“Wir haben keine Hautstanzen” sagt Laura und eilt wieder aus ihrem Büro am Wasserforschungsinstitut in Verbania. Die Biologin koordiniert das Monitoring der Fledermauskolonien in Nordwestitalien. Im Obergeschoss will sie bei den Kollegen von den Fischen nach Hautstanzen, Lochern zur Entnahme von Gewebeproben, fragen. Fabrizio kommt ins Zimmer. Großgewachsen und mit langem, schwarzen Haar verströmt er ein bisschen Superheldenergie. Er hätte Stanzen mitbringen können, doch während der Winterruhe nehmen sie sonst keine Hautproben von lebenden Tieren. Fabrizio muss eine Fledermaus zur Bestimmung nicht unbedingt in der Hand halten. Als Bioakustiker analysiert er ihre Ortungsschreie.

Laura ist zurück. “Wenn sie noch lebt, entnehmen wir Gewebe vor Ort” sagt sie und ruft bei zwei Apotheken, im Krankenhaus und einem Hautarzt an, ohne Erfolg. Das Büro füllt sich weiter. Stefano, Maria Chiara, Alessandro, alle forschen über Höhlenfauna. Nun schließen sie die Rucksäcke und ziehen Outdoor-Jacken über, die sind nicht warm, aber regendicht. Das genügt für den feinen Nieselregen draußen. Für die Suche in den Tunneln sind sie perfekt. Es ist wie ein Ausflug mit Freunden. Wir nehmen das große Auto, sagt Laura. Da passt die Leiter rein. 

Winterlicher Killerpilz

Der dichte Nebel über dem See hat die umliegenden Berge verschluckt. “Wenn man nur sehen muss, ob der Pilz da ist, reicht ein Abstrich? Wäre es der erste Fall des Weißnasensyndroms in Italien?” beginnt Alessandro. “Laura hat den ersten Fall in Italien beschrieben. Jetzt müssten es im Piemont schon vier Fundstandorte sein, aber bisher immer an lebenden Tieren”, erklärt Fabrizio.

Das Weißnasensyndrom ist eine Pilzerkrankung, die Fledermäuse während des Winterschlafs befällt. Das Pilzmyzel wächst um die Schnauze, daher der weiße Fleck. Die europäischen Fledermäuse sind an den Pilz gewöhnt. Daher besitzt ihr Organismus eine Immunantwort auf den Pilz. Die Fledermäuse in Nordamerika kennen den Pilz nicht, ihr Immunsystem ist noch machtlos gegen ihn. Daher sind ihm seit 2006 in den USA und in Kanada Millionen Fledermäuse zum Opfer gefallen. Man vermutet, dass Höhlenforscher ihn aus Podillia in der Ukraine nach Nordamerika eingeschleppt haben.

Fledermausschutz ist Teamarbeit

Vierzig Minuten schlängelt sich die Straße in Serpentinen nach Piancavallo hinauf. Vor den Kurven hupt Laura. “Wie weit ist es noch? Was! Noch zwanzig Minuten? Sind die anderen schon da? Nehmen sie schon Proben?” “Nein, sie trinken ‘nen Kaffee. Und bringen uns die Fledermaus zum Auto und dann hängt Maria Chiara sie wieder zurück,” witzelt der Bioakustiker. Maria Chiara hatte die vermutlich an der Weißnasenkrankheit erkrankte Fledermaus im Tunnel am Berg Monte Morissolo entdeckt. 

Fabrizio und Laura sind oft im Team unterwegs. Um Fledermäuse zu fangen, benötigen die Forscher viele Genehmigungen. Alle drei Jahre müssen sie die Genehmigung vom Umweltministerium und die vom Naturforschungsinstitut (ISPRA) erneuern, dazu kommen die Genehmigungen von der Region, von der Provinz und vom jeweiligen Naturpark. Die europäische Habitat-Richtlinie regelt den strengen Schutz der europäischen Fledermausarten. 

Während ihrer Winterlethargie laufen die Lebensfunktionen von Fledermäusen auf Sparflamme. Ihr Herzschlag sinkt von 600 auf zehn Schläge pro Minute. So können sie von ihren Fettreserven leben. Das Aufwachen aus dieser Lethargie kostet die Tiere viel Energie. Wenn sie aufgrund von Störungen im Winterquartier aufwachen, verbrauchen sie unnötig Reserven und können verhungern.

Auf der Militärstraße Linea Cadorna

Vom Parkplatz führt eine breite Militärstraße Richtung Gipfel des Monte Morissolo. Sie ist Teil des Verteidigungssystems Frontiera Nord aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, genannt Linea Cadorna. Hier führt sie zu Kavernen, künstlichen Höhlen, die für Kanonen mit einer Geschossreichweite von 14 Kilometern gedacht waren. Sie dienten zur Verteidigung Italiens gegen einen Einmarsch aus dem Norden entlang des Ufers des Lago Maggiore. Doch die Anlage wurde nie genutzt. Statt für Kanonen ist hier jetzt Platz für Mountainbikes und Kinderwagen. 

Die Kavernen sind mit einem Zaun aus Metallstreben mit Toren verschlossen. Das ist schon mal nicht fledermaussicher. Weil die oberen Streben manchmal verbogen sind, können die Fledermäuse doch durchfliegen. Sie öffnen das Tor der ersten Kaverne, ein stabiler Metallzaun mit einer Tür. Tee? Laura verteilt gesüßten Schwarztee aus ihrer Thermoskanne. Wir nehmen immer kaltes Licht, sagt sie. Fabrizio hat schon mit der Suche begonnen. Mit Stirnlampe und Taschenlampe suchen sie systematisch Wände und Decke ab, schauen in Löcher und Spalten. 

Die Innenwände der Kavernen sind stellenweise mit Maschendraht gesichert. An Frühlings- und Herbstwochenenden kommen viele Menschen zum Monte Morissolo. Der Weg ist mit dem Auto erreichbar und leicht zu begehen. Den Wanderern und Mountainbikern sollen keine Steine auf den Kopf fallen.

Mausohr im Maschendraht

In der dritten Kaverne stehen Fabrizio und Laura, leuchten und sehen nach oben. Alessandro bringt die Leiter. Maria Chiara kommt angelaufen. Sie war mit der Höhlenforschergruppe Proben nehmen. Gerade rechtzeitig. Das wolle sie sich nicht entgehen lassen, sagt sie außer Atem und holt ihre Kamera mit einem 400 mm Teleobjektiv aus dem Rucksack. Das Flattertier hängt leblos im Maschendrahtzaun. Alles Leben scheint lange aus ihm gewichen. Den schmalen rautenförmigen Körper umgibt wolliges, dichtes Fell. Laura steigt auf die Leiter und nimmt Abstriche von den Flügeln, der Nase.

Fabrizio und Maria Chiara machen Fotos. Laura verstaut die Proben und nimmt eine Tüte aus dem Rucksack. Sie legen den toten Feldermauskörper hinein und verschließen die Tüte. Auf jeden Fall ein Mausohr, sagt Fabrizio, erkennbar an der Ohrform und dem länglichen Tragus. Der Tragus ist der Knorpel vor den Eingang des Gehörgangs. Ja, könnte eine Wimpernfledermaus sein, meint Laura. Die Kerbe am Ohr ist ein Hinweis auf diese Art. 

Wimpernfledermäuse mögen Wärme und kommen auch in Süddeutschland vor. Sie jagen in Laubwäldern, auf Obstwiesen in Parks, Gärten und Fliegen in Kuhställen. Dabei können sie ihre auf dem Untergrund sitzenden Beutetiere im Flug absammeln. Die Art ist ortstreu. Als Winterquartier wählt sie Höhlen und Stollen mit konstanter Temperatur.

Monte Morissolo

Als sie aus der Kaverne treten hat die Sonne den Nebel aufgelöst. Sie steigen auf den Gipfel, um ein paar Fotos zu machen. Mit 1.311 Metern ist der Monte Morissolo nicht hoch, doch von seinem steil abfallenden Nordhang sieht man an klaren Tagen den gesamten Lago Maggiore, ein spektakulärer Rundblick. Auf dem Rückweg passieren sie die Kavernen erneut. Warte hier, schau mal, da. In einem Loch in der Decke hängt ein Flattertier, ganz versteckt. Licht aus. “Sucht immer auch auf dem Rückweg”, mahnt Fabrizio. “Da ist der Winkel anders, das lohnt sich.”

Im Institut werden sie eine Kultur der Abstriche auf einem Pilznährboden durchführen und dessen Art dann mit einer PCR-Analyse prüfen. Zum Zeitpunkt der Probenentnahme wissen Laura und Fabrizio noch nicht, ob die Fledermaus aus der Kaverne wegen des Weißnasensyndroms verhungert ist oder ob sie sich einfach nur im Maschendrahtzaun verfangen hat. In jedem Fall sei der Fund für die Forscher ein interessantes Puzzleteil, um Fledermäuse besser schützen zu können.

Nachtrag

Im Januar kann Laura aufatmen. Die Fledermaus vom Monte Morissolo litt nicht am Weißnasensyndrom. Sie muss sich im Maschendrahtzaun verfangen haben und so verhungert sein.

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