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Leben & bloggen in Italien

Partita IVA in drei Akten

Seit fünf Monaten befindet sich meine Wahrnehmung im Zustand des Übergangs. Noch ist unklar, ob ich in die andere Art Wahrnehmung übertreten werde oder das überhaupt kann. Auf das Schreiben bezogen: ich befinde mich in genau den zehn Minuten, in denen ich Fehler im Text noch sehe, in denen ich noch nicht textblind bin. Peng! Dann passiert es und ich muss mindestens eine Nacht darüber schlafen, um Quatsch zu erkennen. In diesem Zustand aber nehme ich Unterschiede klar auf und spüre Ärger, Wut, Erleichterung oder Verständnislosigkeit. Ein Beispiel.

Das Beispiel

USt-IdNr. USt-IdNr. USt-IdNr. Nichts. Emotionslosigkeit. Trockenheit. Administrative Prozesse. Gleichmäßiger Puls. Alles ist so, wie ich es kenne. Wie Zähneputzen. Nicht besonders spannend, aber notwendig und mit dem richtigen Gadget auch wirksam erledigt.

Dann das Kontrastprogramm. Partita IVA. Partita IVA. Partita IVA. !?#*%$?! ??? Pegelausschlag. Erregung. Geheimnis. Krämerei.

Ich hatte ein paar Freunden versprochen, sie mit Deutschunterricht zu unterstützen. Sie konkurrieren bei fast allen Dienstleistungen mit Anbietern ohne Qualifikationen und haben Schwierigkeiten, angemessene Preise am lokalen Markt durchzusetzen. Die erste Frage in unserem Gespräch drehte sich um die Partita IVA, fast entschuldigend, ob ich eine hätte, dass sie notwendig sei. Die Anmeldung einer Partita IVA stand selbstverständlich schon lange auf meiner Liste und ich nahm diese bevorstehende Kooperation zum Anlass, sie endlich zu beantragen.

Partita IVA ist das Bermudadreieck des italienischen Steuerzahlers. Steuern zahlen ist lästige Pflicht, die gern umgangen wird. Absage an Qualität, Ehrlichkeit, Regeln? In meiner Broschüre „1 x 1 Selbstständigkeit in Italien“ heißt es: Schritt eins, Schritt zwei, hier eine Internetadresse, „muss innerhalb von 30 Tagen ab Beginn der Tätigkeit erfolgen“. So weit so bekannt.

Anmeldung erster Akt

Die Steuerbehörde in Verbania war gerade in ein renoviertes größeres Gebäude umgezogen. Es gab nun weniger Papierstapel, mehr Platz und eine Empfangsdame, die die Besucher dirigierte. Die meisten mussten Platz nehmen und warten. Ich war gut vorbereit, denn ich hatte mithilfe einer deutschsprachigen Broschüre zwei Tage lang den Antrag vorab ausgefüllt. Ich kannte meinen Tätigkeitscode. Die Empfangsdame führte mich direkt in den Saal mit den Schreibtischen der Bearbeiter. Die nun anhebende Aufregung verstand ich zunächst nicht. Da mir in meiner Verwirrung ein englischer Satz entschlüpft war, wurde ich zunächst zu einer jüngeren Kollegin geführt. Diese winkte freundlich und nicht zuständig ab. Dieses Verhalten kannte ich schon von meiner Registrierung im Einwohnermeldeamt. Bei zunehmender Aufregung wurde ich zu drei weiteren Kollegen geführt, alle schienen ebenso wenig zuständig zu sein. Immer war die erste Frage nach der Tätigkeit. Die Antwort schien Komplikationen zu bestätigen. Nachdem gefühlt alle im Raum wussten, womit ich mein zu Geld verdienen hoffte, war immer noch kein Bearbeiter für mich gefunden. Ich fühlte, wie ich stocksauer wurde und blieb nun einfach in der Mitte des Raumes stehen, müde vom Umhergereiche.

Anmeldung zweiter Akt

Aber ich besann mich gleich wieder, um mein Etappenziel nicht aus den Augen zu verlieren. Wo das Problem sei, fragte ich. Ob ich die Steuernummer auch über das Internet beantragen könne. Die Frage war meine geheime Provokation. Ich wusste längst, dass das möglich war, hatte aber den persönlichen Kontakt vorgezogen. In einer mir unbekannten Umgebung war mir das verlässlicher erschienen, da ich einfach jemanden fragen konnte. Meine Erfahrung: Die Bearbeiter kannten sich meist am besten aus und hatten Verständnis für das Unverständnis der Leute.

Fakt war, die Bearbeiterin, die Anmeldungen der Partita IVA normalerweise vornimmt, war nicht im Büro. Aber ich hatte mich am Anfang nicht abwimmeln lassen:

Amt: „Können Sie nächste Woche wiederkommen?“

Ich: „Nein, da arbeite ich schon. Ich brauche die Steuernummer. Können Sie es machen?“

Amt: „Ja, aber die Kollegin, [die es macht] ist nicht da.“

Ich, mit dem Antrag wedelnd: „Ich habe den Antrag schon ausgefüllt!“

Überzeugend. Die Bearbeiterin konnte sich meinem Anliegen nun nicht länger verweigern. Sie setzte sich aufgeregt und begann, meine Daten unter zur Hilfename weiterer Kollegen und ihres Chefs in das System einzugeben.

Finale

Fünf Minuten später habe ich eine italienische Umsatzsteueridentifikationsnummer. In Deutschland werden die Nummern dagegen zentral vergeben und es dauert etwa zwei Wochen, bis man die Nummer hat. Punkt Italien.

Doch zuallererst hatte sie mich gefragt –

Amt: „Sind Sie sicher, dass Sie eine Steuernummer brauchen?!“

Liebes Italien (Appell an Italien, auf Individualebene), Du musst Dich endlich entscheiden. Willst Du mitmachen [im Norden] und Deine Angelegenheiten transparent halten oder nicht. Dein Gemauschel immer. Ich werde mich nicht an der Erhaltung dieses kulturellen Biotops beteiligen. Denn wenn die Regeln klar und gut verträglich sind, dann habe ich kein Problem damit, sie zu befolgen und Steuern zu zahlen. Dafür verlange ich allerdings etwas: Effizienz, Schnelligkeit und gute Internetseiten, auf denen ich alle Informationen problemlos finde. Total auf die Spitze getrieben: Gute Administration ist eine Kunstform.

Herzlich, Deine Part. IVA 02380290037

PS: Ganz wichtig ist mir auch eins: Steuern zahlen beruht auf Gegenseitigkeit. Korrupte, kriminelle Politiker kannst Du abwählen.

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1 Comment

  • Reply
    Settimana azzurra - Kulturschock, Leben in Italien und Italienisch kostenlos
    29. Juli 2017 at 17:21

    […] habe ich nun in Italien seit kurzem eine italienische Steuerberaterin. Über die Beantragung meiner italienischen Mehrwertsteuernummer hatte ich schon berichtet. Zur Verteidigung sei angemerkt, meine Vergleiche bewegen sich in […]

  • Leave a Reply

    Kurzkontrolle: Bist Du ein Mensch? Danke ;) * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.