Piemont

Mein Giro d’Italia 2015

In drei Wochen einmal quer durch Italien. Der Giro d’Italia jedes Jahr im Mai ist das zweitwichtigste Etappenrennen im Profiradsport. Im Jahr 2015 bin ich zum ersten Mal ein Teil davon: Verbania ist Etappenziel der Etappe 18. Das Interesse ist anfangs aufgewungen, denn ich habe kaum eine Chance der rosa Versuchung zu entfliehen. Doch es passt, auch zum in Deutschland eben wiedererwachten Interesse am Profiradsport. Hier ist mein Blick auf den Giro d’Italia, inklusive Vorfreude bis zur Ankunft der Fahrer.

Verbania ist Città di tappa 2015 und ich bin so zum Fan des Giro d’Italia geworden. Ich könnte während des Rennens nicht einmal wegfahren, rechts der See links ein Berg, die Straßen sind bereits Stunden vor der erwarteten Ankunft des Feldes gesperrt. Pendler müssen sich organisieren. Zunächst zart dann massiv hatte die Farbe rosa den Ort erobert. Die Schaufenster ziert das Giro-Logo, viele sind mit historischen Fotos der Rennen geschmückt, rosa Girlanden umrahmen die Rennstrecke. Die mädchenhafte Farbe als Symbol eines harten Radrennens wirkt nicht mehr befremdlich auf mich.

Das Rosa des Radsports

Radsportfans kennen dieses Rosa als die Farbe der Gazzetta dello Sport. Die zeitweise auflagenstärkste Zeitung Italiens (und zweitälteste Sportzeitung der Welt) versorgt die sportbegeisterten Italiener seit 1896 täglich mit Nachrichten vor allem über Fußball, die Formel 1 und eben Radsport. Sie gehörte zu den ersten Organisatoren von Radrennen in Italien und hat den Giro d’Italia 1909 mitgegründet. Als ewiger Werbeträger des Blatts fährt dessen Führender der Einzelwertung im Rosa Trikot (Maglia Rosa).

Und überhaupt ist rosa als das kleine Rot ursprünglich eine männliche Farbe gewesen und blau in der christlichen Tradition als Farbe von Maria die ursprünglich mit dem Weiblichen assoziierte Farbe. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand mit dem Aufkommen von Arbeitskleidung und Matrosenanzügen eine Umdeutung statt und Blau wurde zur männlicheren Farbe.

Giro d’Italia und Coppis Rennrad

Seit 1909 findet der Giro d’Italia jährlich für drei Wochen im Mai statt. Seine von Jahr zu Jahr wechselnden Etappen führen quer durch Italien und ein weiteres europäisches Land. So vielseitig wie die Landschaft des italienischen Stiefels sind die Etappen, die sich in Flachetappen, mittelschwere Etappen und Hochgebirgsetappen unterteilen. Folgende Wertungen und Trikots kennt das Rennen:

  • Rosa Trikot (Maglia Rosa): Führender der Gesamteinzelwertung
  • Rotes Trikot (Maglia Rossa): Führender der Punktewertung
  • Blaues Trikot (Maglia Azzurra) von 1974 bis 2011 Grünes Trikot (Maglia Verde): Führender der Bergwertung
  • Weißes Trikot (Maglia Bianca): Führender der Nachwuchswertung

Ein Name fällt mir auf: Fausto Coppi. Der legendäre italienische Radrennfahrer hat fünfmal den Giro d’Italia und zweimal die Tour de France gewonnen. Die Bergwertung am jeweils höchsten Punkt des Giro wird ihm zu Ehren Cima Coppi (Gipfel Coppi) genannt.

Rennrad des fünffachen Giro-Siegers Fausto Coppi

Rennrad (von 1949) des fünffachen Giro-Siegers Fausto Coppi

Aufbruchsstimmung im Profiradsport

Wer selbst mit dem Auto in Italien unterwegs ist, kennt das Bild. Sobald die Straßen getrocknet sind, befahren die italienischen Radsportler aller Altergruppen auf ihren Rennrädern die italienischen Straßen. Allein oder in Gruppen, immer unbeeindruckt vom vorbeiziehenden Vierradverkehr, geben sie sich der Schnelligkeit hin, stets in kompletter Radsportmontur. Radsport ist in Italien ein Volkssport. Daher könnte keiner der zahlreichen Dopingfälle und Skandale die Begeisterung der Italiener für den Radsport unterbrechen. Während sich deutsche Sponsoren und Fernsehanstalten seit dem Ausschluss Jan Ullrichs aus dem T-Mobile-Team 2006 nach und nach vom Profiradsport zurückzogen, die Sportart unter Doping-Generalverdacht geriet und Sponsoren wegen des Doping-Risikos ausblieben, wird in Italien eher ein Auge zugedrückt. Skandale scheinen zum Sport dazuzugehören. Ich formuliere bewusst im Passiv, denn ich weiß schlicht nicht genau, wie die Italiener darüber denken. Möglicherweise aber haben viele Italiener ebenfalls die Schnauze voll von Dopingbetrügersportlern, wie dieser Fan beim Giro d‘Italia 2011. Oder es ist eine gewisse Gewöhnung eingetreten, angesichts ständig neuer Betrugsfälle und der Unmöglichkeit, diesen wirkungsvoll zu begegnen. Nur eines ist sicher: Nichts kann die italienische Begeisterung für den Profiradsport und den Giro d’Italia so richtig trüben.

Am Donnerstag werde auch ich an der Strecke stehen, hoffentlich auf einer Mauer mit freier Sicht auf die Fahrer, angesteckt von der Spannung, der Anstrengung und der Begeisterung der Fans. Werde mit der rosa Brille auf mein erstes großes Profiradrennen live an der Strecke erleben und fotografieren.

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