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Wochenende in Turin – Lingotto

Kathedralen streben in den Himmel, Lingotto ist eine Kathedrale der Produktion. Sie lagert in die Breite strebend gleich einer Fließbandechse in der Landschaft. Auf einem Foto der Fabrik aus den 1920er Jahren, als das Viertel um Lingotto herum unbebaut war und nur von Eisenbahn-schienen erreicht wurde, wird das Gigantische des Gebäudes überdeutlich: Lingotto ist eine riesige Stadt der Produktion.

Im Jahre 1915 hatten sich die Direktoren von FIAT nach einem Besuch in den USA entschieden, im Süden von Turin in Lingotto, einer Gegend, wo bereits andere Fabriken entstanden waren, eine neue Produktionsstätte zu errichten. 1916 begannen die Arbeiten am mehr als 500 m langen Hauptgebäude, welches durch die 1921 fertiggestellte Teststrecke auf dem Dach gekrönt wurde. Die Nord- und Südrampen zur Fahrt hinunter entstanden 1925 und 1926.

Einzelteile erreichen das Gebäude im Erdgeschoss, durchlaufen den Fertigungsprozess und sind nach Ankunft auf dem Dach und erfolgreicher Metamorphose ein fahrbares Vehikel, das Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet. Obwohl Lingotto mit Eröffnung der neuen FIAT-Fabrik Mirafiori 1939 und durch die Verteilung der Produktion auf fünf Etagen zunehmend unökonomisch schien, blieb die Fabrik bis 1982 FIAT-Produktionsstätte und beschäftigte tausende Arbeiter.

Lingotto – Erstes futuristisches Gebäude

In einem ihrer zahlreichen Manifeste, im Manifest von 1934 „Manifesto Futurista dell’Architettura Aerea“ bezeichneten die Futuristen Marinetti, Mazzoni und Somenzi die FIAT-Fabrik Lingotto als „prima invenzione costruttiva futurista“ („erste konstruktivistische Erfindung“) als erstes futuristisches Gebäude. Obwohl ich mit dem anti-historischen und martialischen Gehabe der Futuristen wenig anfangen kann (zur Vertiefung), stimme ich hier in ihre Begeisterung ein: Lingotto ist herausragend einzigartige Architektur. Stets waren die Häupter der Firmen und Delegationen hierher gepilgert.

Lingotto la Bola und Heliport

Turin – Die Dynamische

Städte, die Verluste kompensieren müssen scheinen ihrer Zeit immer um eine Erfahrung voraus zu sein. Durch die Vereinigung Italiens 1861 wurde Turin die neue Hauptstadt, ein Status, den sie schon 1865 an Florenz verlor. Turin machte sich an die Industrialisierung und setzte auf das neue Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit: das Automobil. 1899 Gründung von Fiat, 1906 von Lancia. Mit dem Umdenken und der Rezession der 1970er und 1980er Jahre begann das Nachdenken über die Zukunft von Lingotto. Die FIAT-Eigentümer wünschten sich den Erhalt der Gebäudestruktur. Während Turin in der Rezession einen gewaltigen Prozess der Umorganisation durchschritt, arbeitete der Architekt Renzo Piano an seinem Umgestaltungsplan für Lingotto. 1986 begann die Umgestaltung, in einer Zeit, in der Lingotto ein intensives kulturelles Eigenleben entwickelte: Ausstellungen, Konzerte und Performances wiesen den Weg in eine neue Zukunft jenseits der Produktion und des Automobils.

Lingotto heute

Heute ist Lingotto eine Dienstleistungsfabrik: 20.000 m² Einkaufspassage, 11 Multiplex-Kinosäle, Dentalzentrum und Polytechnikum für den Automobilbau, Kongresszentrum mit freischwebendem Sal auf dem Dach, der Kugel (la Bolla) und die Pinakothek Giovanni e Marella Agnelli. Die Teststrecke ist nur noch zu Fuß nutzbar – schade eigentlich. Es wäre ein Traum, bei klarer Sicht mit Blick auf die Alpen hier eine Runde zu drehen – alternativ ist das vielleicht mit dem Fahrrad möglich!

Lingotto Pinacoteca Agnelli

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