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Leben & bloggen in Italien Natur

Insubrien – Einleben im Regen

Wie beginnt das Leben im neuen Land? Ich kann mich noch so gut darauf vorbereiten, Informationen besorgen, die Sprache lernen, wichtige Dokumente übersetzen, die Adressen der Behörden recherchieren, Pläne machen, packen. Am Ende werde ich etwas Wichtiges vergessen. Ich weiß noch nicht viel über mein neues Zuhause, dass ich bisher nur als Gast erlebt habe. Es hält Überraschungen bereit –  als Erinnerung daran, dass ich nicht perfekt vorbereitet sein kann oder muss. Das vergessene, wichtige kann etwas Unscheinbares, Banales sein –

so wie für mich ein Paar Gummistiefel. Denn mein neues Leben beginnt mit viel Regen. Tagelang, ganz ohne Unterbrechung. Und ohne Wind. Daher bin ich mit einem Regenschirm gut ausgerüstet. Wenn ich mich für einen Spaziergang von der Hauptstraße entferne, um ein paar Schritte den Hügel hinauf zu machen oder auch um eine weniger ausgebaute Straße entlang zu laufen. Aber über die Tage des Regnens haben auch bessere Straßen gewaltige Pfützen angesammelt. Die Pflanzen sind vollgesogen, triefend, voll kaltem, kühlen Regenwasser. Kein Wunder, dass ich nach drei Schritten auf einem Pfad bis zu den Knien nass bin – ich brauche Gummistiefel.

Piemont im Regen

Piemont im Regen

Wetterextreme - Verbania du Regenreiche

Wetterextreme – Verbania du Regenreiche

Die Reise in ein neues Leben, da Umzug also erfolgt am besten zu ebener Erde. In meinem Fall ist dies ein recht vollbepacktes Auto, in welchem ich mein altes Heimatland fast vollständig durchquere. Diese Fahrt gibt mir Zeit, den Moment des Übergangs bewusst zu durchleben. (Zwar bin ich schon seit Monaten mit der Umzugsplanung und seit Tagen mit dem Zusammenpacken beschäftigt, doch das ist etwas anderes.) Das Verlassen des Heimatlandes, sei es für eine längere Reise oder für immer, ist stets auch eine Reise zu sich selbst. Fern von der Heimat wird einem besonders deutlich, wer man ist, sein möchte oder sein wird.

Kurz hinter Schaffhausen in der Schweiz beginnt es zu regnen. Das Tempo nun gemächlicher, die deutschen Autobahnen liegen lang hinter mir. Hinter Zürich dann die erste Auskunft zur Lage am Gotthardtunnel – 13 km Stau bedeuten zwei Stunden Wartezeit. Aber ich habe keine Möglichkeit mehr auf den San Bernardino-Tunnel auszuweichen und so verstreicht mein Retardatio ohne wirklichen Ausweg, und der Regen unterstreicht den besonderen Moment des Übergangs – in den Süden der Alpen.

April 2013 049

April 2013 058

Insubrien! – Regenreiches neues Zuhause

Die Wolken hängen zum Teil direkt über dem See und verdecken die Borromäischen Inseln. Ich kann ihnen beim Aufsteigen zusehen. Zeitweilig sehe ich nichts mehr! Das Klima der Südalpen und besonders der Südalpenseen von Gardasee bis Lago Maggiore ist als insubrisches Klima bekannt. Dieses zeichnet sich durch sehr viele und stärkere Niederschläge in Frühling und Herbst sowie durch die hohe Zahl der Sonnenstunden aus. Hinzu kommen, ich bin nicht mehr überrascht, oft außergewöhnlich starke Niederschläge.

Borromäische Inseln in Regenzeit

Der Regen ist mein Geschenk. Er lässt mir Zeit, anzukommen und meine Dinge im Haus zu ordnen. Ich mag es, wenn alle Bücher wieder an ihrem Platz stehen und das Geschirr schon ausgepackt ist. In einem neuen Land gibt es immer etwas zu entdecken, zu lernen. Als neue Einwohnerin darf ich neugierig sein und Fragen stellen, bleibe Entdeckerin.

Borromäische Inseln verschwinden

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7 Comments

  • Reply
    Undine Hofmann
    6. Mai 2013 at 10:50

    Hallo, Stefanie, wirklich schöne Bilder und sie sind treffend beschrieben. Der April gehört am Lago zu den Monaten, wo es am meisten (fast immer) regnet. Meteo-Schweiz hat eine „harmlose Form der Überschwemmung“ mit Gefahrenstufe 3 herausgegeben. Aber es hat schon Zeiten gegeben, wo man auf der Piazza Grande in Locarno surfen konnte. Wenn man sein neues Zuhause in Ruhe und mit ein wenig Melancholie im Dauerregen annimmt und genießen kann, wie schön werden danach erst die wunderschönen Sommertage mit Sonne satt in üppiger Natur. Einfach nur weiter genießen… Undine

    • Reply
      Stefanie
      6. Mai 2013 at 15:01

      Hab Dank für Deine Worte, Undine! Regenorgien und die höchste Zahl der Sonnenstunden, das ist wie ich finde das Optimum 😉 Aber vielleicht sollte ich auch über ein Surfbrett nachdenken und nicht nur über neue Ski…

  • Reply
    Isola Madre – Die Schönheit der Insel | Azzurro Diary
    24. Juni 2013 at 11:40

    […] Meter mal 330 Meter, mit insubrischem Klima die perfekte Mischung aus Sonne und Regen in südalpiner Lage – das ist die Isola Madre im Lago […]

  • Reply
    tomas
    25. Juni 2013 at 23:19

    ……wie ich das so lese, das neue leben usw. – ist ja auch wie eine reise – und ein russisches sprichwort besagt, dass es eine gute reise wird, wenn es auf der reise (dorthin) regnet…..

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    Blogstöckchen zum Thema Reisen
    3. August 2017 at 11:29

    […] immer wie auf Langzeitreise, da ich alle paar Jahre das Land gewechselt habe. Jetzt habe ich mich niedergelassen und bleibe da erstmal! […]

  • Reply
    Reiseführer Lago Maggiore vom Michael Müller Verlag
    15. August 2017 at 00:18

    […] und L’Agostino) werden in den Ortsbeschreibungen nachgeholt (Omegna). A proposito Regen und insubrisches Klima – da kommen mir noch Herno (Regen- und Daunenjacken, Lesa) und Loro Piano (Kaschmir, Romagnano […]

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    Kurzkontrolle: Bist Du ein Mensch? Danke ;) * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.