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Domodossola – Alpentor, Partisanenhauptstadt und heiliger Berg

Alle kennen Domodossola. Alle in Italien. D wie Domodossola – das italienische Buchstabieralphabet benutzt Städtenamen. Und alle, die von der Schweiz aus mit dem Zug nach Italien reisen. Lago Maggiore-Fans kennen Domodossola als Umsteigebahnhof auf der Centovalli-Tour. Ist die Stadt nur ein Durchgangsbahnhof? Historisch gesehen schon – mit dem Simplontunnel, erbaut 1906, ist Domodossola Tor durch die Alpen. Diese Rolle hat den Ort geprägt. Ein Rundgang durch eines der schönsten Alpenstädtchen lohnt sich auf jeden Fall – ganz besonders im Oktober!Auf der Piazza Matteotti, dem Bahnhofsvorplatz, finde ich alles für meinen Start in den Tag: die Touristeninformation (im Busbahnhof), wo mir ein äußerst freundlicher Herr mit einem Lächeln einen Stadtplan überreicht und mich willkommen heißt und die Bar für ein Frühstück mit Cappuccino und Brioche.

Hauptstadt der Partisanenrepublik Ossola

Meinen Rundgang beginne ich, den Bahnhof im Rücken, einfach immer geradeaus und biege am Ende des Corso P. Ferrari leicht links in die Corso Fratelli di Dio ein, die direkt auf den Platz der Republik Ossola (Piazza Repubblica dell’Ossola) führt. Republik Ossola? Während des Krieges 1944 schafften es die hier operierenden Partisanengruppen kurzzeitig, die Region Ossola bis zur Schweizer Grenze hin komplett zu befreien. Noch erstaunlicher sind die Erfolge der Partisanenregierung im befreiten Gebiet. Aktiv sofort nach der Befreiung organisierte sie das gesamte öffentliche Leben neu und ein baute ein neues Schulsystem auf. Über ideologische Grenzen hinweg errichten die Partisanen eine demokratische Regierung, die sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientierte. Verrückt, wenn ich mir die heutige italienische Politik anschaue, in der sich ideologische Gräben so gut konserviert haben und Reformen verhindern. Kann die pragmatische Hyperaktivität der Partisanen dieser 40 Tage heute ein Beispiel sein für Italien?

Im Palazzo della Città hatte die Regierung der Republik Ossola ihren Sitz, heute die Stadtverwaltung.

Piazza Repubblica dell Ossola (2)

Piazza Repubblica dell Ossola

Auf dem Marktplatz (Piazza Mercato) im Buchladen Grossi sind sämtliche Titel zu den Partisanen, dem Val Grande und zu den Ossolatälern erhältlich. Wer wie ich auf der Suche nach einem passenden Buch über die Partisanen der Region ist, kann hier in allen erhältlichen Büchern blättern, die zum Teil von Grossi Edizione, dem hauseigenen Verlag herausgegeben sind. Als ich wieder auf den Marktplatz hinaustrete, hat sich die Sonne durchgekämpft und Domodossola fängt an zu leuchten. Auf dem Marktplatz erklingt Fabrizio de Andrés „Il pescatore“ und begleitet mich von da an als Ohrwurm.

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Schönes Alpenstädtchen

Domodossola oder kurz Domo hat den spröden, rauen Charme einer Kleinstadt im Tal vor hohen Bergen. Ist der Himmel wie heute anfangs wolkenverhangenen, spürt man das Kühle und Feuchte des oft wolkenverhangenen Ossolatals, einer der regenreichsten Regionen Italiens. Das Raue, Spröde findet sich in der Stadt wieder.

Piazza Fontana Domodossola

Die Architektur der Häuser in der Via Carina mit ihren Holzbalkons erinnert an die Häuser der Walser, die ich aus Alagna im Valsesia kenne.

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Sacro Monte Calvario – Heiliger Berg von Domodossola

Es scheint, das Pilgern anhand von Kreuzwegen ist aus der Mode gekommen, während das Pilgerwandern zu eigenen körperlichen Erbauung schon länger wieder sexy ist. Heute geht es den Pilgern darum, Erfahrungen und Entbehrungen selbst zu machen. Die Heiligen Berge waren im 16. und 17. Jahrhundert als Pilgerstätten geschaffen worden, um die Lebens- und Leidensgeschichten von Jesus und den Heiligen erlebbar zu machen, nachdem die Orte im Heiligen Land nicht mehr zugänglich waren. Neun solcher Monumentalanlagen, auf einem Hügel und mit Kreuzwegen und Kapellen bebaut, gibt es in Norditalien. Seit 2003 gehören die Sacri Monti zum Weltkulturerbe der UNESCO. (Mein Lieblingsberg ist der Sacro Monte di Orta.)

Der Kalvarienberg von Domodossola stellt in 15 Kapellen mit lebensgroßen Figuren die Leidensweg Christi dar. Leider wurden die Kapellen mehrere Jahrzehnte nicht gepflegt und scheinen ein wenig verstaubt und in die Jahre gekommen. Mein Spaziergang auf den Mattarella-Hügel wird mit einem sonnigen Ausblick auf Domodossola belohnt.

Gedenken an den Luftfahrtpionier Jorge Chavez

Wer bereits in Perus Hauptstadt Lima gelandet ist, erkennt den Namen Jorge (Geo) Chavez wieder. Nach diesem peruanisch-französischen Luftfahrtpionier (1887 – 1910) sind der Flughafen von Lima und ein Platz in Domodossola benannt. Bei seiner ersten Überfliegung des Alpenhauptkamms verunglückte Chavez kurz vor der Zwischenlandung in Domodossola tödlich. Chavez war in der Höhe mehrfach von Turbulenzen erfasst worden. Sein Flug im Ossolatal war dann ruhig. Bei dem Anflug auf Domodossola, wo auf dem Weg nach Mailand eine Zwischenlandung eingeplant war, kollabierten während des Sinkfluges die Flügel der kleinen, fragilen Blériot und führten zum Absturz.

Mein Tipp für Domodossola

Lieblingsort in Domodossola: Palazzo San Francesco auf der Piazza Convenzione. Stadtmuseum und Ausstellungsraum – auf keinen Fall verpassen.

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Nützliche Tipps Domodossola

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