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Die Pietà Rondanini – Michelangelos Testament

Frei, und ohne Vorgaben, ohne Auftraggeber und deren Ansprüche, mit der Dringlichkeit des nahen Lebensendes dem eigenen Glauben auf den Grund gehen, ihm Ausdruck verleihen. Der Göttlichkeit des höchsten Seins ein Denkmal setzen. Mit der Weisheit eines vollen, in Kreativität gelebten Lebens. So stelle ich mir Michelangelos Motivation vor, mit der er in hohem Alter an seiner letzten Skulptur arbeitete, der Skulptur, die wir Pietà Rondanini nennen. Im Mai 2015 wurde ihr im Mailänder Castello Sforzesco ein eigenes Museum gewidmet. Bei der Gelegenheit erhielt die hohe und schmale Figurengruppe eine erdbebensichere Plattform, die Schwankungen ausgleichen kann.

Die Pietà, wörtlich „Barmherzigkeit, Mitleid, Erbarmen“ ist ein christlicher Topos, der Maria direkt nach der Kreuzabnahme mit ihrem toten Sohn Jesus im Schoß zeigt. Maria heißt dann Mater dolorosa, Schmerzensmutter. Dieses Thema aus der Kreuzwegandacht war seit dem 14. Jahrhundert ein beliebtes Motiv in der Bildhauerei und heißt auch Vesperbild, denn die Szene soll sich am Karfreitag zur Zeit der liturgischen Vesper zugetragen haben. Der Topos der Pietà, die Rückkehr des toten Sohnes zum Schoß der Mutter, beschäftigte Michelangelo künstlerisch ein Leben lang. Für ihn als religiösen Menschen war diese Rückkehr ein Moment von großer spiritueller Kraft. (Wer selbst Kinder hat, erlebt den Schmerz dieses Momentes dazu auf einer persönlichen Ebene.)

Die Pietà in Michelangelos Werk: Römische Pietà und Pietà Bandini

Mit gerade 24 Jahren schuf Michelangelo seine erste Pietà (1497-1499). Sie steht heute im Petersdom in Rom und ist für ihre Schönheit berühmt. (Einer von vier Abgüssen weltweit befindet sich in der Berliner Hedwigskathedrale in der Nähe des Gendarmenmarkts. Die Berliner Pietà könnt ihr quasi berühren, denn sie steht nicht hinter Glas wie das Original im Petersdom.) Sie zeigt Maria mit überaus jugendlichem Gesicht, auf ihrem Schoß hält sie den Körper ihres Sohnes. Ihr Auftraggeber bestellte bei Michelangelo eine einzigartig schöne Skulptur, wie es noch keine in Rom gäbe. Das gelang Michelangelo mit dieser Pietà, deren Ruhm mit jedem Betrachter wuchs. Genau wie der Ruhm Michelangelos, er sich zu der Eitelkeit hatte hinreißen lassen, sie zu signieren. Michelangelo verließ in seiner Darstellung die bestehende ikonografische Tradition der Pietà, die einen deutlichen Gegensatz zwischen der Figur Marias und der des toten Jesus vorsah, indem er sich für eine naturalistische Darstellung beider Figuren entschied. Man meint das pulsierende Blut im Arm zu erkennen, die rechte Hand Jesu scheint eben noch die Falte des Kleides zu halten, fast so, als hielte Maria hält ihren eben entschlummerten Sohn im Arm.

Bei der Pietà Bandini genannten Skulptur, die sich im Florentiner Dommuseum befindet, handelt es sich genau genommen nicht um eine Pietà, sondern um eine Kreuzabnahme. Die aufrecht gehaltene Figur Jesu wird von der Madonna und Maria Magdalena eingerahmt. Die Spitze der Figurengruppe bildet Michelangelo selbst, porträtiert in der Figur des Nikodemus. Die Skulptur ist unvollendet geblieben, das Gesicht von Maria ist nicht fertig ausgeführt. In einem Wutanfall (1555) schlug Michelangelo mit einem Hammer auf sie ein, die Spuren sind deutlich am Arm Jesu zu sehen, dessen linkes Bein fehlt ganz.

Michelangelos letzte Pietà – Die Pietà Rondanini

Um 1552-53 begann Michelangelo mit der Arbeit an einem neuen Marmorblock, der laut seines Biografen Vasari für sein eigenes Grabmal bestimmt war. Eine neue Pietà entstand. Nur sporadisch arbeitete Michelangelo an dieser Skulptur, denn er war noch im hohen Alter mit wichtigen Aufträgen betraut, zuletzt der Bauleitung am Petersdom in Rom. Aus einem Brief des Bildhauers Daniele da Volterra geht hervor, dass Michelangelo noch in den Wochen vor seinem Tod an dieser Plastik gearbeitet hat.

una statua principiata per un Christo con un’altra figura di sopra, attaccate insieme, sbozzate e non finite (aus dem Inventar Michelangelos, angefertigt am Morgen nach seinem Tod)

In seiner letzten Pietà nähert sich Michelangelo dem Thema auf neuartige Weise. Beide Figuren, die der Madonna und die Jesu werden in aufrechter Position dargestellt. So entsteht ein ganz anderer, neuartiger Eindruck im Betrachter. Weder liegend noch sitzend dargestellt nimmt die Figur des Sohnes eine ungleich aktivere Rolle an. Jesus scheint seine Mutter sogar zu stützen.

attaccate insieme

Betrachtet man die Plastik, während man langsam um sie herumgeht, verstärkt sich dieser Eindruck, wobei Maria und Jesus die Rollen zu tauschen scheinen. Von schräg vorn betrachtet scheint Maria ihren Sohn zu halten. Schaut man auf die Rückseite, scheint Jesus Maria zu tragen.

Pietà Rondanini - Wer stützt wen

sbozzate e non finite

Die Pietà Rondanini hat nichts mit der Schönheit der Perfektion typisch für Michelangelos Plastiken gemein. Nur die Beine der Jesusfigur sind fein ausgearbeitet. Die oberen Teile der Figuren, Oberkörper und Köpfe weisen hingegen deutliche Meißelspuren auf. Die Plastik ist unvollendet, Non finito, geblieben. Deshalb hängt links von der Figur Jesu ein Arm unverbunden in der Luft. (Und sie ist nicht das einzige Werk Michelangelos, das unvollendet blieb. Der Meister verausgabte sich bei der Arbeit, ging an seine körperlichen Grenzen, um etwas Einzigartiges zu schaffen. Er nahm alle Aufträge an und kam so oft mit Fristen in Verzug. Da kam es öfter vor, dass Skulpturen unvollendet blieben.) Ein Grund für das Non finito ist Michelangelos Unzufriedenheit mit seinem Werk. Hatte er seine Meinung geändert, arbeitete er eine Skulptur kurzerhand um. (Er beherrschte die Bearbeitung des Marmors meisterlich und konnte es sich leisten!) So geschah es mit seiner letzten Plastik, nur dass ihm dieses Mal keine Zeit mehr blieb, seine Vision zu vollenden. So bekommen wir nur eine Ahnung davon, was Michelangelo zeigen wollte.

Der einzelne, unverbundene Arm und die Beine Jesu stammen von der älteren Ausarbeitung der Pietà, die der Bildhauer Henry Moore den realistisch-anatomischen Stil Michelangelos nennt. In diesem standen die Ideale der Renaissance im Mittelpunkt seines Schaffens und Denkens. Im reifen Alter sich Michelangelos Spiritualität in eine neue Richtung entwickelt. Er fühlte sich von den Ideen der religiösen Reformer um die Dichterin Vittoria Colonna, mit der ihn eine enge Freundschaft verband, angezogen. Sie glaubte, der Mensch werde durch die Gnade erlöst und nicht durch seine Handlungen oder das Streben nach guten Werken und stand damit in der Nähe zu Martin Luthers Gnadenlehre Sola gratia.

Die nach der Remodellierung entstandenen Teile der Skulptur (Oberkörper und Köpfe) zeigten einen expressionistisch-gotischen Stil (H. Moore) und erscheinen mit ihrer rauen Oberfläche ziemlich unperfekt. So unperfekt, dass Jacob Burkhardt Michelangelo Scheitern vorwarf und von der Besichtigung der Pietà Rondanini abriet. Ich selbst halte es eher mit Henry Moore. Der war selbst Bildhauer und fand, dass Kunstwerke nicht einheitlich sein müssten. Dass die Unterschiede die Plastik bewegender machten und ihre Wirkung eindringlicher. Obwohl es scheine, dass für Marias Hand nicht mehr genug Marmor vorhanden gewesen sei, bedeute das gar nichts, da die Hand die Betrachter dennoch mit Sanftheit erfülle. Für den Bildhauer Henry Moore ist diese Pietà Michelangelos seine beeindruckendste, sogar die bewegendste Skulptur, die je von einem Bildhauer geschaffen wurde.

Wichtiger als die Perfektion einer Skulptur sei der in ihr ausgedrückte Gedanke, hier ein tiefer Ausdruck der Menschlichkeit.

Pietà Rondanini Gesicht und Hand nah

Eindrücke vom Museo Pietà Rondanini Michelangelo

Seit 1952 befindet sich die Pietà Rondanini in der Kunstsammlung des Castello Sforzesco in Mailand. Im Mai 2015 erhielt sie im ehemaligen Spanischen Lazarett Ospedale Spagnolo im Castello Sforzesco ein eigenes Museum.

Richtig, sich von den Verrissen früherer Kunsthistoriker nicht abschrecken zu lassen. Vielleicht gibt es für die Idee in diesem Kunstwerk keine Vollendung und der bestehende Zustand gibt den besten Einblick in die enthaltende Idee? Ist Perfektion etwas Beendetes und die Idee der Unsterblichkeit, der Auferstehung endlos und nur im Unperfekten erfassbar?

Anderer Gedanke. Den David und die römische Pietà haben die Souvenirverkäufer in Beschlag genommen, kenne ich von Kopien und Abbildungen, Kopien der Kopien und satirischen Aufgüssen, dass ich den Sinn für ihre Originalität und Schönheit schon suchen muss. An der glatten Perfektion perlt jeder Gedanke ab. Die Meißelspuren, die schmalen Gestalten, das Wechselspiel der Körper lädt zur Reflexion ein.

Der neue Platz für Michelangelos letzte Meditation über dem Topos Pietà gibt der Skulptur den Raum, den sie benötigt, um ihre Wirkung in den Besuchern zu entfalten. Und diesen für eigene Reflexionen.

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